Der menschliche Vorteil in der KI-Welt
Wettbewerbsvorteile entstehen dort, wo Unternehmen etwas Einzigartiges anzubieten haben. Doch wie behauptet man sich an der Spitze, wenn schnelle Intelligenz in der KI-Welt plötzlich jedem und überall zur Verfügung steht?
Im Land der Dummen ist der Kluge König. Aber was passiert, wenn plötzlich jeder Zugang zu einer Intelligenz hat, die in mancher Hinsicht mächtiger ist als der menschliche Verstand? Wer ist dann der Boss? Diese Frage treibt Zukunftsforscher, Innovationsexperten und Tech-Unternehmer um. Denn in einer Welt denkender Maschinen stehen etablierte Wettbewerbsvorteile auf dem Spiel. Für manche Unternehmen geht es ums Überleben. Analysten warnen deshalb, dass KI ein zweischneidiges Schwert ist: Statt das Geschäft etablierter Unternehmen anzukurbeln, könnte sie für manche sogar zur Existenzbedrohung werden. Softwareanbieter sind dafür das beste Beispiel.
Müsste Sean Blanchfield, CEO des KI-Agenten-Start-ups Jentic, heute noch einmal ein Unternehmen gründen, würde er einen großen Bogen um reine Softwaregeschäfte machen. Gefragt seien heute Stärken, die sich nicht digital nachbauen lassen: physische Präsenz und echte menschliche Beziehungen, „nicht Datenströme und elektrische Signale“. Scott Anthony, Clinical Professor of Business Administration an der Tuck School of Business des Dartmouth College, teilt diese Einschätzung. Zwar verändere Künstliche Intelligenz viele Prozesse, doch Grundbedürfnisse blieben, sagt der Forscher: „Menschen wollen nach wie vor ein erfrischendes Getränk und vertrauenswürdige Finanzdienstleistungen.“

NATUR UND MASCHINE, VERSCHMOLZEN
Manar Aboushawaly ist eine ägyptische Künstlerin und Grafikdesignerin mit Sitz in Berlin. Als KI-Enthusiastin nutzt sie die Technologie, um die Grenzen der Kreativität zu erweitern, analoge mit digitalen Techniken zu verbinden und Absicht mit Experimentierfreude zu verschmelzen.
Andere Experten sind der Ansicht, dass nicht nur menschliche Bedürfnisse wertvoll bleiben. Eric Fellhauer, Vorsitzender des Aufsichtsrats der SMS group, meint, dass wir das Potenzial in unseren Köpfen unterschätzen. Fellhauer teilt den Glauben vieler Manager an die transformative Kraft der KI nicht. „Ich bin da skeptisch, denn in Unternehmen steckt das meiste Wissen in den Köpfen der Mitarbeiter.“ Fellhauer ist zudem Professor of Practice in Strategic Finance an der Frankfurt School of Finance & Management und war zuvor Deutschlandchef der Investmentbank Lazard. Fellhauer spricht aus Erfahrung: KI könne durchaus tiefergehende Analyseberichte mit Übernahmeempfehlungen verfassen, die auf den ersten Blick überzeugten. Doch sie enthielten Fehler, die jedem Branchenkenner sofort auffallen würden.
Sinan Aral, Managementprofessor am MIT und Direktor der MIT Initiative on the Digital Economy, glaubt, dass sich die Spielregeln für Wettbewerbsvorteile auch im KI-Zeitalter nicht grundlegend ändern. „Wir haben das schon einmal erlebt“, sagt Aral. Wettbewerbsvorteile seien in der Regel nicht durch die neue Technologie selbst entstanden, sondern dadurch, wie geschickt die Anwender sie auf ihre Situation zuschneiden. Die KI-Revolution werde deshalb ähnlich verlaufen wie frühere IT-Umwälzungen: Die Technologie selbst wird zum Standard, den Vorsprung indes sichern sich diejenigen, die am meisten aus ihr herausholen.
Entscheidend wird aus seiner Sicht künftig die Personalisierung. In seinem für 2027 angekündigten Buch Personal Intelligence: The Art and Science of Human-AI Collaboration legt er dar, dass Systeme, die auf einzelne Menschen zugeschnitten werden, ein neues Wettbewerbsumfeld eröffnen. „Reine Intelligenz wird künftig zur Standardware. Wer sie passgenau auf Menschen zuschneidet, gewinnt Profil und Vorsprung im Wettbewerb“, erläutert der Forscher vom MIT.

Das ist nicht bloß Spekulation. Studien von Aral und seinem Team zeigen, dass personalisierte KI-Schnittstellen die Produktivität erheblich beeinflussen. In einer seiner Studien brachten KI-Agenten mit bestimmten Persönlichkeitsmerkmalen unterschiedliche Eigenschaften bei menschlichen Partnern zum Vorschein. Neurotische KI-Agenten etwa, die in ihren Interaktionen verletzlich und ängstlich wirkten, produzierten zusammen mit umgänglichen Menschen weniger, aber bessere Werbeanzeigen als das typische Team aus umgänglichen KI-Agenten und umgänglichen Menschen. Arals Team fand außerdem regionale Unterschiede: Extrovertierte KI-Agenten erhöhten die Qualität bei lateinamerikanischen Mitarbeitern, senkten sie aber bei ostasiatischen Teams.
Eine weitere Studie ergab, dass gemischte Teams aus Menschen und KI 50% mehr Anzeigen pro Mitarbeiter bei zugleich höherer Textqualität produzierten als rein menschliche Teams. Dafür erzielten die menschlichen Teams eine bessere Bildqualität. Die ersten Ergebnisse waren laut Aral so vielversprechend, dass sein Team ein eigenes Unternehmen gründete. Ziel war es, die KI-Personalisierung voranzutreiben und jedem Mitarbeiter in jedem Unternehmen kostengünstigen Zugang zu leistungsstarker Intelligenz zu verschaffen.
Doch wie jedes machtvolle Werkzeug kann auch KI durch menschliche Schwächen gefährlich werden. Menschen seien oft leichtgläubig, sagt Aral. Sie reagierten auf das, was er „Anschein wissenschaftlicher Gründlichkeit“ nennt: Merkmale wie Fußnoten, die vertrauenswürdig wirken. Deren bloße Existenz betrachteten sie als Beleg für Genauigkeit, anstatt die zugrunde liegenden Nachweise zu prüfen. Entscheidend wird somit sein, Dienstleistungen anzubieten, die nicht nur zuverlässig wirken, sondern es auch sind.
Gianpiero Petriglieri, Associate Professor für Organisationsverhalten an der Wirtschaftshochschule INSEAD, interessiert sich weniger für die Technologie selbst als für die menschliche Reaktion auf sie: „Wettbewerbsvorteile beruhen meist auf Differenzierung. Alles, was uns in Bequemlichkeit wiegt, schmälert diesen Vorteil. Für mich lautet die Frage: Wie bleiben wir wachsam? Wie bewahren wir uns das Gespür dafür, was an unserer Arbeit oder unserer Firma einzigartig ist?“
Technologie, halb verborgen im Unterholz
KI-Systeme im Unternehmen funktionieren am besten, wenn sie ganz natürlich in die Arbeitsprozesse eingebettet sind.

„Reine Intelligenz wird künftig zur Standardware. Wer sie passgenau auf Menschen zuschneidet, gewinnt Profil und Vorsprung im Wettbewerb.“
Das reine Effizienzstreben stößt nach Petriglieris Ansicht im KI-Zeitalter an seine Grenzen. „Wir wollen mit Maschinen Geld verdienen, aber ausgeben wollen wir es für Dinge, die von Hand gefertigt werden“, sagt er. Einzigartige, kreative Angebote würden noch wichtiger. Ein gutes Beispiel dafür ist der Wandel der Popmusik: Früher verdienten die meisten Künstler ihr Geld mit Tonträgern, heute erwirtschaften sie den größten Teil ihrer Einnahmen mit Live-Auftritten. Die Besucher zögen aus solchen Erlebnissen etwas zutiefst Menschliches, hat er beobachtet. Er erinnert sich daran, wie er ein Konzert von Harry Styles mit seinem Sohn besuchte und ihn sagen hörte, das Konzert sei ein Ort, an dem Menschen sich sicher und frei fühlen könnten. „Danach haben wir uns schon immer gesehnt“, sagt Petriglieri. „Ich glaube nicht, dass KI ein solcher Raum ist. Für menschliche Gestaltungskraft gibt es also noch Hoffnung.“
Unternehmen müssten anfangen, wie Künstler zu konkurrieren. Sie beginnen mit denselben Werkzeugen und Materialien, entwickeln daraus aber eine eigene Vision, die die Fantasie der Kunden weckt. „Produktivität und Gewinn sind nicht das primäre Ziel. Sie sind eine Folge davon, dass man sich auf etwas konzentriert, was man in der Welt erschaffen möchte“, sagt Petriglieri. Viele junge Menschen dächten schon heute so, weil man ihnen gesagt habe, sie würden wenig Geld verdienen und ihr Berufsleben sei von Unsicherheit geprägt. An diesem Punkt habe man zwei Möglichkeiten: Entweder man gebe den Gedanken auf, dass Arbeit Sinn ergibt, und werde zynisch. „Oder man sagt sich: Ich suche trotzdem eine Arbeit, die es mir zumindest ermöglicht, mich auszudrücken.“
Am Ende könnte der entscheidende Wettbewerbsvorteil etwas sein, was ein Computer nicht erzeugen kann: ein Grund, dem eigenen Tun eine Bedeutung zu geben. „Die Frage nach dem Sinn der Arbeit galt in der guten alten Maslow-Pyramide lange Zeit als Krönung an der Spitze. Jetzt wird sie zum Fundament.“
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