Der menschliche Vorteil in der KI-Welt

KÜNSTLICHE INTELLIGENZ
12. Okt 2026

Wettbewerbsvorteile entstehen dort, wo Unternehmen etwas Einzigartiges anzubieten haben. Doch wie behauptet man sich an der Spitze, wenn schnelle Intelligenz in der KI-Welt plötzlich jedem und überall zur Verfügung steht?

Text
Bennett Voyles
KI-generierte Bilder
Manar Aboushawaly

Müsste Sean Blanchfield, CEO des KI-Agenten-Start-ups Jentic, heute noch einmal ein Unternehmen gründen, würde er einen großen Bogen um reine Softwaregeschäfte machen. Gefragt seien heute Stärken, die sich nicht digital nachbauen lassen: physische Präsenz und echte menschliche Beziehungen, „nicht Datenströme und elektrische Signale“. Scott Anthony, Clinical Professor of Business Administration an der Tuck School of Business des Dartmouth College, teilt diese Einschätzung. Zwar verändere Künstliche Intelligenz viele Prozesse, doch Grundbedürfnisse blieben, sagt der Forscher: „Menschen wollen nach wie vor ein erfrischendes Getränk und vertrauenswürdige Finanzdienstleistungen.“

Eine skulpturale Anordnung aus Mais, Beeren und Blüten mit eingearbeiteten Leiterplatten und Schläuchen als Sinnbild für die Verbindung von Landwirtschaft und Technologie.

NATUR UND MASCHINE, VERSCHMOLZEN

Manar Aboushawaly ist eine ägyptische Künstlerin und Grafikdesignerin mit Sitz in Berlin. Als KI-Enthusiastin nutzt sie die Technologie, um die Grenzen der Kreativität zu erweitern, analoge mit digitalen Techniken zu verbinden und Absicht mit Experimentierfreude zu verschmelzen.

Andere Experten sind der Ansicht, dass nicht nur menschliche Bedürfnisse wertvoll bleiben. Eric Fellhauer, Vorsitzender des Aufsichtsrats der SMS group, meint, dass wir das Potenzial in unseren Köpfen unterschätzen. Fellhauer teilt den Glauben vieler Manager an die transformative Kraft der KI nicht. „Ich bin da skeptisch, denn in Unternehmen steckt das meiste Wissen in den Köpfen der Mitarbeiter.“ Fellhauer ist zudem Professor of Practice in Strategic Finance an der Frankfurt School of Finance & Management und war zuvor Deutschlandchef der Investmentbank Lazard. Fellhauer spricht aus Erfahrung: KI könne durchaus tiefergehende Analyseberichte mit Übernahmeempfehlungen verfassen, die auf den ersten Blick überzeugten. Doch sie enthielten Fehler, die jedem Branchenkenner sofort auffallen würden.

Sinan Aral, Managementprofessor am MIT und Direktor der MIT Initiative on the Digital Economy, glaubt, dass sich die Spielregeln für Wettbewerbsvorteile auch im KI-Zeitalter nicht grundlegend ändern. „Wir haben das schon einmal erlebt“, sagt Aral. Wettbewerbsvorteile seien in der Regel nicht durch die neue Technologie selbst entstanden, sondern dadurch, wie geschickt die Anwender sie auf ihre Situation zuschneiden. Die KI-Revolution werde deshalb ähnlich verlaufen wie frühere IT-Umwälzungen: Die Technologie selbst wird zum Standard, den Vorsprung indes sichern sich diejenigen, die am meisten aus ihr herausholen.

Entscheidend wird aus seiner Sicht künftig die Personalisierung. In seinem für 2027 angekündigten Buch Personal Intelligence: The Art and Science of Human-AI Collaboration legt er dar, dass Systeme, die auf einzelne Menschen zugeschnitten werden, ein neues Wettbewerbsumfeld eröffnen. „Reine Intelligenz wird künftig zur Standardware. Wer sie passgenau auf Menschen zuschneidet, gewinnt Profil und Vorsprung im Wettbewerb“, erläutert der Forscher vom MIT.

Ein Geflecht aus Blättern, Blüten und Zweigen, durchzogen von bunten Kabeln vor gelbem Hintergrund, als Sinnbild für die Verbindung von Natur und Technologie.

Führen mit KI

Welche Eigenschaften brauchen Topmanager, wenn der Wandel zu KI-geführten Systemen an Fahrt gewinnt?
Tempo

Gehen Sie nicht davon aus, dass sich Ihre Wettbewerber viel Zeit bei der Einführung von KI-Lösungen lassen. Bei einem Workshop mit 400 Führungskräften fragte Scott Anthony vom Dartmouth College, wer Vibe Coding schon ausprobiert habe, das Schreiben von Programmcodes mit Prompts. Zu seiner Überraschung hob die Hälfte der Anwesenden die Hand.

Fantasie

Was KI heute noch nicht kann, könnte sie schon bald beherrschen. „Vielleicht ist es wie beim Automobil“, sagt Steve Blank, Professor für Management und Technik an der Stanford University. „Anfangs wurde darüber gelacht, 15 Jahre später gehörten Pferdewagen und Kutschen bereits der Vergangenheit an. Genau das erleben wir heute.“

Klarheit

Niemand weiß, wie sich die Technik entwickeln wird. Doch Manager müssen klar benennen können, vor welchen Problemen ihre Firma steht und welche Fragen zu klären sind, meint Anthony.

Zuversicht

Eine pessimistische Führung treibt Unternehmen in die Defensive und engt ihren Handlungsspielraum ein, sagt Anthony. „Das war schon immer ein Rezept für Probleme“, sagt er. „Heute kann es in eine Katastrophe führen. Wer ein Unternehmen leitet, muss Optimist sein und daran glauben, dass sich ein Weg nach vorn findet.“

Weitblick

INSEAD-Forscher Gianpiero Petriglieri rät Führungskräften, sich zu fragen, was sie eigentlich erschaffen wollen und warum. Auch Scott Anthony sucht Orientierung in der Philosophie. Er liest Heraklit, dem zufolge niemand zweimal in denselben Fluss steigt, weil sich beide, Fluss und Mensch, verändern. So denkt er darüber nach, wie sich Innovation steuern lässt.

5 Merkmale
Anzahl der zentralen Charakterzüge, die unterschiedlich kombiniert KI-Agenten zugewiesen wurden. Die Tests zeigten: Auf die Mitarbeiter abgestimmte KI-Agenten steigerten die Produktivität.
Quelle: Harang Ju und Sinan Aral

Eine weitere Studie ergab, dass gemischte Teams aus Menschen und KI 50% mehr Anzeigen pro Mitarbeiter bei zugleich höherer Textqualität produzierten als rein menschliche Teams. Dafür erzielten die menschlichen Teams eine bessere Bildqualität. Die ersten Ergebnisse waren laut Aral so vielversprechend, dass sein Team ein eigenes Unternehmen gründete. Ziel war es, die KI-Personalisierung voranzutreiben und jedem Mitarbeiter in jedem Unternehmen kostengünstigen Zugang zu leistungsstarker Intelligenz zu verschaffen.

Doch wie jedes machtvolle Werkzeug kann auch KI durch menschliche Schwächen gefährlich werden. Menschen seien oft leichtgläubig, sagt Aral. Sie reagierten auf das, was er „Anschein wissenschaftlicher Gründlichkeit“ nennt: Merkmale wie Fußnoten, die vertrauenswürdig wirken. Deren bloße Existenz betrachteten sie als Beleg für Genauigkeit, anstatt die zugrunde liegenden Nachweise zu prüfen. Entscheidend wird somit sein, Dienstleistungen anzubieten, die nicht nur zuverlässig wirken, sondern es auch sind.

Gianpiero Petriglieri, Associate Professor für Organisationsverhalten an der Wirtschaftshochschule INSEAD, interessiert sich weniger für die Technologie selbst als für die menschliche Reaktion auf sie: „Wettbewerbsvorteile beruhen meist auf Differenzierung. Alles, was uns in Bequemlichkeit wiegt, schmälert diesen Vorteil. Für mich lautet die Frage: Wie bleiben wir wachsam? Wie bewahren wir uns das Gespür dafür, was an unserer Arbeit oder unserer Firma einzigartig ist?“

Technologie, halb verborgen im Unterholz

KI-Systeme im Unternehmen funktionieren am besten, wenn sie ganz natürlich in die Arbeitsprozesse eingebettet sind.

Ein dichtes Feld aus orangefarbenen, gelben und rosa Blüten mit kleinen elektronischen Bauteilen zwischen den Stielen, als Sinnbild für die Verbindung von Natur und Technologie.
„Reine Intelligenz wird künftig zur Standardware. Wer sie passgenau auf Menschen zuschneidet, gewinnt Profil und Vorsprung im Wettbewerb.“
Sinan Aral
Professor am MIT und Direktor der MIT Initiative on the Digital Economy

Unternehmen müssten anfangen, wie Künstler zu konkurrieren. Sie beginnen mit denselben Werkzeugen und Materialien, entwickeln daraus aber eine eigene Vision, die die Fantasie der Kunden weckt. „Produktivität und Gewinn sind nicht das primäre Ziel. Sie sind eine Folge davon, dass man sich auf etwas konzentriert, was man in der Welt erschaffen möchte“, sagt Petriglieri. Viele junge Menschen dächten schon heute so, weil man ihnen gesagt habe, sie würden wenig Geld verdienen und ihr Berufsleben sei von Unsicherheit geprägt. An diesem Punkt habe man zwei Möglichkeiten: Entweder man gebe den Gedanken auf, dass Arbeit Sinn ergibt, und werde zynisch. „Oder man sagt sich: Ich suche trotzdem eine Arbeit, die es mir zumindest ermöglicht, mich auszudrücken.“

Am Ende könnte der entscheidende Wettbewerbsvorteil etwas sein, was ein Computer nicht erzeugen kann: ein Grund, dem eigenen Tun eine Bedeutung zu geben. „Die Frage nach dem Sinn der Arbeit galt in der guten alten Maslow-Pyramide lange Zeit als Krönung an der Spitze. Jetzt wird sie zum Fundament.“

37 %
Anteil der 13- bis 17-Jährigen in den USA, die der Ansicht sind, dass Menschen bessere Songs schreiben als eine KI. 21% meinen, die KI könne das besser.
Quelle: Pew Research Center

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