SUSTAINABILITY
12. OKt 2026

Nachhaltigkeit unter Druck: Warum Unternehmen beim Klimaschutz nicht nachgeben dürfen

Luftaufnahme des Whanganui River, der sich durch nebelverhangene, bewaldete Hügel in Neuseeland schlängelt.

Die Klimadebatte ist politischer geworden, viele Unternehmensführer werden vorsichtiger. Doch jenseits der Schlagzeilen bleibt Nachhaltigkeit ein großes Thema. Sie hilft Unternehmen, verlässlicher zu planen, Risiken zu begrenzen und langfristig die eigene Geschäftsgrundlage zu sichern.

Text
Stefan Stern
Fotos
Mathias Svold
Luftaufnahme des Whanganui River, der sich durch nebelverhangene, bewaldete Hügel in Neuseeland schlängelt.

WEF-Vertreter wiesen das zurück, das Weiße Haus habe dem Jahrestreffen keine Bedingungen diktiert. Ein anderer WEF-Beobachter räumte jedoch ein, dass Pläne vor einer solchen Veranstaltung mit den Vertretern der Teilnehmer abgestimmt würden. „Es ist normal, dass Themen und Diskussionen für Stakeholder, die am Gipfel teilnehmen, vorher zur Sprache kommen“, sagte er. Wohlwollend betrachtet ließe sich das als Teil des „Geistes des Dialogs“ verstehen. Fairerweise darf man zugestehen, dass auch in diesem Jahr die Einsicht blieb, dass Wohlstand „innerhalb planetarer Grenzen“ entstehen muss, eine der fünf offiziellen Säulen von Davos. Für Unternehmenslenker hat sich das politische Klima zugleich spürbar verändert. Die Frage ist, wie sie ihre Unternehmen in einer von Trump geprägten Zeit nachhaltig führen sollen. Ihm allein die Schuld an diesem Umdenken und neuen Kalkül zu geben wäre allerdings auch zu kurz gegriffen.

There is no pun intended here, but the climate has clearly changed for business leaders as they consider how to manage their organizations sustainably in this developing Trump-influenced era. And it would be wrong to point the finger solely at the 47th US President for causing a certain amount of rethinking and recalculation.

Bill Gates veröffentlichte im Herbst 2025 vor dem UN-Klimagipfel COP30 in Belém ein Memo. Darin schrieb er, die „Weltuntergangssicht“ auf den Klimawandel sei überzogen. Die Erderwärmung bleibe ein großes Problem, doch Panik und Verzweiflung seien fehl am Platz. „Der Klimawandel wird ernste Folgen haben, vor allem für Menschen in den ärmsten Ländern, aber er wird nicht zum Untergang der Menschheit führen“, glaubt Gates. „Die Emissionsprognosen sind gesunken, und mit den richtigen politischen Weichenstellungen und Investitionen können wir die Emissionen durch Innovation noch deutlich weiter senken.“

Gates’ Einwurf erklärt auch, warum globale CEOs bei Klimafragen heute auffallend zurückhaltend sind. Was steckt hinter diesem Schweigen? „Es ist nicht so, dass sie nicht an den Klimawandel glauben oder nicht vorankommen wollen. Sie haben Angst. Ich bin schockiert, wie verängstigt CEOs sind“, sagte John Kerry, der frühere US-Präsidentschaftskandidat, Außenminister und US-Klimabeauftragte der Financial Times. „Donald Trumps Vorgehen in den vergangenen Monaten, das Justizministerium und seine Vergeltungsmaßnahmen haben vielen Menschen Angst eingejagt“, ist Kerry überzeugt. Trumps Skepsis gegenüber dem Klimawandel ist weithin bekannt. Er hat ihn als „den größten Betrug, der der Welt je aufgetischt wurde“ bezeichnet. „Der einzige Schwindel besteht darin, etwas anderes vorzutäuschen“, hält Kerry entgegen. „In einer Wahl kann man die Gesetze der Politik eine Zeit lang verbiegen. Aber glauben Sie mir: Niemand, kein Präsident, kein Monarch, einfach niemand kann die Gesetze der Physik verbiegen.“

Zugleich fließen nach wie vor Milliardeninvestitionen in erneuerbare Energien. Dennoch beobachtet Kerry: „Selbst CEOs, die bei Klimalösungen besonders optimistisch waren, haben sich zurückgezogen, aus Sorge, dass Klimaschutz schlecht fürs Geschäft ist und politisch zu riskant.“

Eine Umfrage der Personalberatung Egon Zehnder unter 1,200 globalen CEOs bestätigte 2025 diese Zögerlichkeit. Nur 40 % der Befragten erklärten, sie wollten sich öffentlich zu Fragen globalen Wohlstands und globaler Stabilität äußern. Die Spannung zeigt sich auch in einem weiteren Befund: 25 % nannten Aktionäre und finanziellen Erfolg als ihre wichtigste Verantwortung, aber nur 3 % erklärten, globale Fragen sollten Regierungen und internationalen Institutionen überlassen bleiben. Eine besonders klare Analyse dieser Dilemmata liefert Alison Taylor, Clinical Associate Professor of Business and Society an der Stern School of Business. 2024 erschien ihr Buch Higher Ground: How Business Can Do the Right Thing in a Turbulent World. Taylor untersucht, wie Ethik und Nachhaltigkeit in Unternehmen verankert werden. „Wer im Bereich Nachhaltigkeit arbeitet, driftet leicht in Richtung Aktivismus oder Anpassung ab – beides schadet der Wirksamkeit“, sagt sie. „Wer zu aktivistisch auftritt, verliert intern schnell an Glaubwürdigkeit. Wer dagegen zu technokratisch und gefügig ist, wird aus anderen Gründen an den Rand gedrängt. Am schlimmsten ist es, wenn man vor allem an seiner Außenwirkung arbeitet, Preise gewinnt und auf Podien sitzt, aber inhaltlich kaum etwas bewegt.“

„Wer im Bereich Nachhaltigkeit arbeitet, driftet leicht in Richtung Aktivismus oder Anpassung ab – beides schadet der Wirksamkeit.“
Alison Taylor
Clinical Associate Professor an der Stern School of Business
Eine Frau mit einem Pounamu-Anhänger steht brusttief im Wasser – Sinnbild für die kulturelle Bedeutung des Whanganui River.

Ein Fluss als Rechtsperson

Die Anerkennung des Whanganui-Flusses in Neuseeland als eigenständige Rechtsperson schützt ihn um seiner selbst willen und eröffnet einen neuen Blick auf unsere eigenen Rechte und Pflichten.

Auch der globale Markt für Nachhaltigkeitsberatung wuchs weiter. Nach Angaben von Source Global Research, einem Datendienst für den Beratungsmarkt, erreichte er bis Ende 2025 ein Volumen von 54 Milliarden US-Dollar. Das Wachstum lag 2025 bei bis zu 5 %, nach 3.9 % im Vorjahr. Ein großer Teil dieser Arbeit läuft unter dem Label ESG, also Environmental, Social and Governance: Bis zur Hälfte der von Source Global Research untersuchten Firmen gab an, der Großteil ihrer Beratungsprojekte enthalte ESG-Aspekte; 21 % erklärten, dies gelte für alle ihre Aufträge. Hinzu kommt, dass Firmen bereits veröffentlichte Nachhaltigkeitsdaten korrigieren müssen. Das ist keine Seltenheit mehr.

Eine verwitterte Betonbrücke überspannt einen üppigen Farnwald in Neuseeland – Sinnbild für das Naturerbe der Region.

Eine Brücke ins Nichts

Die in den 1930er-Jahren gebaute Betonbrücke sollte landwirtschaftliche Siedlungen erschließen, die sich nie durchsetzten. Heute steht sie einsam im Regenwald am Whanganui River — erreichbar nur per Boot, zu Fuß oder mit dem Fahrrad.

Buchcover von "Higher Ground: How Business Can Do the Right Thing in a Turbulent World" von Alison Taylor.
Higher Ground: How Business Can Do the Right Thing in a Turbulent World
von Alison Taylor, 304 Seiten. Harvard Business Review Press, 2024.

Über den Unternehmenszweck wird heute bekanntlich viel gesprochen, neu ist die Debatte aber nicht. Bereits 1995 veröffentlichten Sumantra Ghoshal und Christopher Bartlett den Aufsatz Changing the Role of Top Management: Beyond Strategy to Purpose. „Strategien können nur dann eine dauerhafte emotionale Bindung erzeugen, wenn sie in einen breiteren organisatorischen Zweck eingebettet sind“, schrieben sie. Fast 30 Jahre später bringen zwei neue Bücher die Debatte in die Gegenwart des Klimawandels: Beyond Profit: Purpose-Driven Leadership for a Wellbeing Economy von Victoria Hurth, Ben Renshaw und Lorenzo Fioramonti sowie The Purpose-Driven Organisation in Times of Climate Crisis, herausgegeben von Katie Bailey und Katie Manning.

Hurth beschreibt einen Moment wie in Hans Christian Andersens Märchen Des Kaisers neue Kleider: Es sei längst für jeden erkennbar, dass das aktuelle System versage, und doch fehle der Wille zum Handeln. Hurth und ihre Co-Autoren fordern deshalb neue Prioritäten für nachhaltigen Erfolg. „Wer schnellen und wirksamen Wandel will, muss aufhören, ein finanziell auf sich selbst ausgerichtetes System bloß pragmatisch nachzujustieren“, schreiben sie. Stattdessen müssten Stakeholder am langfristigen Wohl des Kollektivs ausgerichtet werden. „So entsteht ein gemeinsames Verständnis davon, wofür das Unternehmen steht.“

Die drei Seiten des Unternehmenszwecks

The Purpose-Driven Organisation in Times of Climate CrisisDas Buch The Purpose-Driven Organisation in Times of Climate Crisis beschreibt drei Ansätze zu Unternehmenszweck und Nachhaltigkeit.

Regeltreue Akteure

reagieren auf neue Regeln zur Offenlegung und auf neue gesetzliche Standards für Finanzberichte. Ihr Einsatz für Nachhaltigkeit gilt ihrem Ziel, Marktzugang zu sichern und rechtliche Risiken oder Imageschäden zu mindern.

Überzeugte Firmenlenker

verankern Umweltaspekte langfristig in ihre Führungsprinzipien und in ihre Kapitalallokation. Ihr überzeugtes Engagement zeigt ein breiteres Bekenntnis zum Klimaschutz als Geschäftsgrundsatz.

Am Gewinn orientierte Firmen

richten ihren Blick auf Chancen, die im Firmenzweck und in nachhaltigen Geschäftsmodellen zu finden sind: mehr Effizienz, geringere Kosten und neue Wünsche von Kunden und Investoren sehen sie als Vorteil im Wettbewerb.

54 Mrd. USD
So groß war der globale Markt für Nachhaltigkeitsberatung Ende 2025, 5% mehr als im Vorjahr.
Quelle: Source Global Research
„Manager schreckt das öffentliche Getöse nicht ab. Sie handeln strategisch aus guten wirtschaftlichen, finanziellen und gesellschaftlichen Gründen.“
Sebastian Munden
Chair von WRAP und Ad Net Zero

Für einen Realitätscheck sprach Think:Act mit Sebastian Munden, Vorsitzender des globalen Kuratoriums von WRAP, einer NGO für Kreislaufwirtschaft, und Global Chair von Ad Net Zero, dem Programm der Werbebranche für klimaneutrales Arbeiten. Munden war 2025 zur Climate Week in New York und später in Brasilien bei Treffen rund um die COP30. Auf die Kontroversen um Nachhaltigkeit blickt er nüchtern: „Die Politisierung mancher dieser Themen wird am Ende als enorme Ablenkung erscheinen“, meint er. „Unternehmen werden weitermachen, weil es schlicht ein gutes Geschäft ist.“

Als Beispiel nennt er den Kampf gegen die Verschwendung von Lebensmitteln. „Für die einen steht der soziale Nutzen im Vordergrund: Überschüsse werden weitergegeben. Andere wollen erreichen, dass der Ausstoß von Kohlenstoff und Treibhausgasen gesenkt wird. Für Supermärkte und Lebensmittelhersteller ist es am Ende vor allem eine Frage der Marge.“

Was Munden bei der Climate Week gesehen hat, seien Manager, die das öffentliche Getöse nicht abschrecke. „Sie handeln strategisch aus guten wirtschaftlichen, finanziellen und gesellschaftlichen Gründen.“ Der Gewinn gehe über Werbung und Marketing hinaus, sagt Munden. „Für Unternehmen, die sich ernsthaft damit befassen, ist Kohlenstoff zu einer Währung für Einsparungen und einem Anstoß für Innovationen geworden.“

Das Leben geht weiter, das Geschäft auch. Politiker kommen und gehen, ebenso vergeht das Getöse, das sie von Zeit zu Zeit verbreiten. Für kluge Unternehmensführer bleibt Nachhaltigkeit deshalb Teil der Geschäftslogik. Sie werden weiter versuchen, Gewinn und Nachhaltigkeit in Einklang zu bringen, im eigenen Interesse und zum Nutzen des Gemeinwohls. Oder, wie es der bekannte britische Durchhalte-Slogan sagt: „Keep Calm and Carry On.“

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