Porträt von Sebastian Thrun in dunklem Anzug und weißem Hemd, sitzend in dramatischer Beleuchtung. Ein diagonaler Lichtstrahl fällt auf sein Gesicht vor einem ansonsten dunklen Hintergrund und hebt seine Gesichtszüge hervor, während der Rest der Szene im Schatten bleibt.
Technology
2. FEB 2026

Sebastian Thrun über die nächste KI-Welle

Technologie spielt eine zentrale Rolle bei der Neugestaltung der Globalisierung. Deshalb interviewte Think:Act Magazine den KI-Pionier ­Sebastian Thrun. Der Innovator erwartet, dass KI mehr Produktivität und Einfallsreichtum freisetzt.

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steffan heuer
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ian bates

WENN ES EINE GALIONSFIGUR für bahnbrechende Innovationen gäbe, Sebastian Thrun wäre ein heißer Kandidat. Er hat Milliarden von Menschen dabei geholfen, sich besser zu orientieren, indem er die Grundlagen für Google Street View gelegt hat. Diese Bilddaten nutzte er später, um autonome Fahrzeuge von einer akademischen Utopie in den Alltag zu überführen. Thruns Pionierarbeit begann vor über 20 Jahren: Mit seinem Team an der Stanford University gewann er das erste Roboter-­Rennen durch die Mojave-Wüste in Nevada. Der Erfindergeist des Silicon-­Valley-­Veteranen ist unermüdlich. Thrun inves­tierte in zahlreiche Start-ups oder führte sie selbst – immer mit dem Ziel, KI und Automatisierung in Bereichen wie der Luftfahrt, in Callcentern oder der Online-Bildung zu etablieren. Als Think:Act Magazine Thrun in San Francisco erreichte, war er gerade unterwegs zu Terminen bei Start-ups, die den Onlinehandel neu erfinden wollen.

sebastian thrun

ist ein deutsch-amerikanischer Unternehmer, Pädagoge und Wissenschaftler. Sein Lebenswerk gilt der Frage, wie Menschen und Maschinen besser zusammen­arbeiten können.

Sein Lebenswerk gilt der Frage, wie Menschen und Maschinen besser zusammen­arbeiten können.

From his base in California, Thrun maintains a reputation as a constant innovator who seeks to apply AI not just for efficiency, but as a tool for human progress.

Sie haben die Entwicklung von Künstlicher Intelligenz von der Grundlagenforschung bis zum Praxis­einsatz erlebt. Welche Fähigkeiten der KI werden in den kommenden Jahren den größten Einfluss auf die Prozesse in den Unternehmen haben?

Künstliche Intelligenz wird sich von einer globalen zu einer lokalen Technologie entwickeln. Das bedeutet: Jedes Unternehmen wird seine eigene KI haben, die ihr Geschäft und ihre Mitarbeiter bis ins Detail kennt. In Zukunft werden nicht mehr Sie mich persönlich interviewen, sondern Ihre KI wird meine KI befragen – und exakt dasselbe Ergebnis erzielen. Diese intime Kenntnis eines Unternehmens – seiner Geschichte, des Personennetzwerks, aller relevanten Informationen und Dokumente – wird die Unternehmensführung in Zukunft unendlich viel effizienter machen.

Welche blinden Flecken können Manager übersehen, wenn sie über den Einsatz von KI nachdenken?

Die meisten CEOs, vor allem außerhalb der Tech-Branche, reagieren wie das sprichwörtliche Kaninchen vor der Schlange. Sie hören von autonomen KI-Agenten, die angeblich die Hälfte ihrer Belegschaft ersetzen könnten, finden aber keinen Zugang zu dieser neuen Welt. Das hat mehrere Gründe: Einerseits weckt KI überzogene Erwartungen. Andererseits fehlen praktikable Leitplanken für den Alltag. Außerdem breitet sich in den Unternehmen Unsicherheit und Angst aus.

Viele Menschen machen sich große Sorgen, was mit ihren Arbeitsplätzen geschieht, sollten sich manche der kursierenden Prognosen über KI bewahrheiten. Insbesondere die extremen Szenarien verunsichern, nach denen innerhalb der nächsten drei bis fünf Jahre menschliche Arbeit vollständig durch KI ersetzt werden könnte. Ich empfehle eine spielerische Herangehensweise: KI sollte man nutzen, um Dinge auszuprobieren. Denn echte Innovation verläuft nicht linear. Lineare Innovation bedeutet, bestehende Prozesse effizienter zu gestalten. Nicht-lineare Innovation hingegen entdeckt ganz neue Arbeitsweisen. Diese nicht-linearen Durchbrüche kennen wir heute noch gar nicht. Wir können über sie stolpern, wenn wir experimentieren.

Können Sie ein Beispiel für einen erfolgreichen spielerischen Ansatz nennen?

Als die ersten großen Sprachmodelle auf den Markt kamen, verstand niemand so richtig, warum sie Software schreiben oder Italienisch sprechen können. Es war reiner Zufall, als man entdeckte, dass KIs gute Programmierer sind. Als die erste Generation von ChatGPT im Jahr 2023 auf den Markt kam, glaubte wohl niemand, dass jeder Software­entwickler im Jahr 2025 bereits doppelt so produktiv sein wird wie damals.

Wenn Sie auf Ihre Erfahrung bei Google zurück­blicken, wo Sie etwa das Projekt für selbstfahrende Autos geleitet haben: Welchen Rat geben Sie Führungs­kräften, die heute entscheiden müssen, welche KI-Anwendungen echte Durchbrüche und welche nur schrittweise Verbesserungen bringen?

Das vorherzusagen ist natürlich extrem schwierig. Ich würde sagen: Jeder, der Inhalte erstellt, wird künftig deutlich effizienter arbeiten. Besonders bei repetitiven Aufgaben kann die Produktivität um das Fünffache steigen. Offensichtlich lässt sich im Bereich der Robotik bereits ein tiefgreifender Wandel beobachten – etwa bei selbstfahrenden Autos, die ja ebenfalls auf KI basieren. Auch im Bereich Informationszugang erweisen sich große Sprachmodelle als transformativ. Entscheidend wird sein, sie aus einzelnen Anwendungen wie der Suche herauszulösen und in verschiedene Branchen zu übertragen. Die meisten menschlichen Tätigkeiten sind repetitiv und dürften in den kommenden zehn Jahren automatisiert werden.

Wie stellen Sie sich die optimale Arbeitsteilung zwischen Menschen und KI-Systemen vor?

KI sollte man nicht als unmittelbaren Ersatz, sondern als Ergänzung betrachten. Ähnlich wie Landmaschinen Menschen nicht ersetzen, sondern ihre Arbeit effizienter machen, steigert KI die Effektivität in bestimmten Tätigkeitsbereichen. Selten ersetzt KI Menschen vollständig, häufiger arbeitet sie Hand in Hand mit ihnen.

„Selten ersetzt KI Menschen vollständig, häufiger arbeitet sie Hand in Hand mit ihnen.“
Sebastian thrun
Sebastian Thrun sitzt in einem schwach beleuchteten Zimmer, das durch ein großes rechteckiges Fenster eines Hauses zu sehen ist. Sonnenlicht wirft starke Schatten auf die Außenwand und die umliegenden Gartenpflanzen und rahmt so die Gestalt im Inneren ein.

WANDEL GESTALTEN

Nach über zwei Dekaden voller Innovationen in Robotiklaboren und in Führungspositionen im Silicon Valley wird Sebastian Thrun vielerorts als prägender KI-Vordenker geschätzt.

KI schafft auch neue Arbeitsplätze. Das sogenannte Prompt Engineering war vor der Einführung von ChatGPT praktisch unbekannt. Gibt es bestimmte Fähigkeiten, auf die sich Unternehmen bei der Qualifizierung ihrer Mitarbeiter konzentrieren sollten?

Die Welt hat heute einen enormen Bedarf an Softwareentwicklern und dieser Bedarf wird noch wachsen. Denn mit dem Einzug von KI wird es viel leichter, Software zu entwickeln. Programmieren bedeutet künftig nicht mehr zwingend, komplizierte Programmiersprachen zu lernen. Im Grunde kann jeder in Englisch programmieren: Man spricht einfach mit dem Computer, und er setzt die Anweisungen um. So könnten auch Menschen, die bisher keinen technischen Hintergrund haben – Manager zum Beispiel –, selbst einfache Programme erstellen. Dadurch wird sich die Zahl der Menschen, die Software entwickeln, vervielfachen. Die Folge ist ein rapides Wachstum des gesamten Bereichs. Damit stellt sich eine neue Anforderung an Berufsbilder: In Zukunft wird es wichtiger sein, Generalist zu bleiben. Man sollte sich nicht zu stark einschränken. Früher war beruflicher Erfolg oft an Spezialisierung gebunden: Ärzte etwa, die ihr ganzes Leben lang nur Röntgenbilder der Brust betrachtet haben. Diese Zeiten sind vorbei. Heute leben wir in einer Welt, in der Veränderung die ­Regel ist. Gemessen an der langen menschlichen Lebensspanne ist es mittlerweile unmöglich, sich im Laufe seines Lebens nicht zu verändern. Diese neue Normalität bedeutet: Egal, welchen Beruf Sie heute ausüben – in fünf Jahren wird er sich verändert haben.

Wie werden sich die Aufgabenbereiche in Unternehmen mit der Verbreitung von KI verändern?

Unternehmen werden künftig weniger Managementebenen brauchen. Ich hoffe, dass KI im Alltag zu einem effektiven Personalmanagement beitragen wird; und ich glaube, dass dies möglich ist. Ein Manager könnte in der Tech-Branche leicht 30 oder 40 Mitarbeiter führen, aber in der Regel sind es sieben. Vorausgesetzt, es gibt eine leistungsfähige KI, die bei der Entscheidungsfindung, Kommunikation und weiteren Aufgabenbereichen hilft, werden Unternehmen schneller vorankommen.

Alle Supermächte oder geopolitischen Macht­blöcke verfügen über eigene KI-Modelle. Hat es einen strategischen Wert, wenn Unternehmen eigene lokale Modelle entwickeln?

Das ist ein Kostenfaktor und hängt davon ab, was das Modell leisten soll. Für die meisten Firmen ergibt es keinen Sinn, alles von Grund auf neu zu entwickeln. Es gibt viele offene Basismodelle als Open Source, die sich übernehmen und anpassen lassen.

Welche Rolle nimmt aus Ihrer Sicht Europa im globalen KI-Wettlauf ein?

Im Moment bereitet mir Europa große Sorgen. Die USA sind im Bereich der KI eindeutig führend, dicht gefolgt von China. Europa verfügt zwar über mehr Fachkräfte, doch es fehlt in Europa an der Bereitschaft, eine Art Manhattan-Projekt für KI auf den Weg zu bringen. Europa muss anerkennen, dass KI bereits die Realität prägt – und nur wer von Anfang an eine aktive Rolle übernimmt, kann an der Spitze mitgestalten. Stattdessen konzentriert sich die Debatte zu stark auf Regularien und Risiken.

Sehen Sie auf dem Markt noch genügend Spielraum für eine Aufholjagd?

Auf jeden Fall. Schauen Sie sich Elon Musk an: Mit Grok ist er in wenigen Jahren zu einem Top-Anbieter unter den Großen Sprachmodellen aufgestiegen. In Europa überwiegt die Sorge vor Missbrauch. Ich bin nicht gegen Vorschriften, aber ich denke, dass Vorschriften erst dann erlassen werden sollten, wenn klar ist, worin der Missbrauch bestehen könnte. Nehmen wir das Beispiel Drohnen: In der Ukraine fehlen weitgehend Vorschriften, und das ermöglicht eine intensive Innovationsdynamik.

„Egal, welchen Beruf Sie heute ausüben – in fünf Jahren wird er sich verändert haben.“
sebastian thrun

Gut zu wissen

KI als Unterstützer begreifen:
KI ist wie eine Maschine in der Landwirtschaft: Sie soll Menschen nicht ersetzen, sondern ihnen die Arbeit erleichtern.
Generalist werden:
Bislang war Spezialisierung wichtig, künftig zählt eine breite, flexible Perspektive.
Haftung als Regulierung:
Wenn Unternehmen für die Sicherheit ihrer Produkte verantwortlich sind, kann das wie eine sehr gute Regulierung wirken.

Als Sie bei Google an selbstfahrenden Autos arbeiteten, war der Umgang mit komplexen Vorschriften zentral. Können andere Branchen davon lernen?

Die Zulassungshürden in den Vereinigten Staaten sind im Vergleich zu Europa sehr niedrig. Waymo hat inzwischen 100 Millionen Meilen mit einer bemerkenswerten Sicherheitsbilanz zurückgelegt. Wir haben etwas erfunden, das nachweislich sicherer ist als menschliches Fahren. Und das hat funktioniert, weil Unternehmen wie Waymo, Cruise oder Tesla dafür haften, wenn sie Menschen töten. Die Haftung spielt eine wichtige Rolle bei der Regulierung. Sie ist ein gutes Mittel zur Regulierung, weil sie den Erfolg des Unternehmens mit seinen Handlungen verknüpft. Damit geht die Nachweispflicht für die Erfüllung der Sorgfaltspflicht auf das Unternehmen über. Man weiß natürlich nie, wer davon profitiert, denn die Menschen, die bei Verkehrsunfällen nicht ums Leben gekommen sind, werden es nie erfahren. Stellen Sie sich vor, Sie wären selbst von einem Betrunkenen überfahren worden, aber eine Technologie hat Sie davor bewahrt. Das wäre doch wunderbar. Oder?

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