
Wie naturbasierte Lösungen den Klimaschutz neu definieren
Nicht Beton und Stahl schützen am besten vor dem Klimawandel, sondern Wälder, Feuchtgebiete und Riffe. Auf der ganzen Welt entdecken Unternehmen Ökosysteme als strategische Schutzressourcen.
Wer sein Unternehmen gegen die Risiken durch den Klimawandel schützen will, steht vor großen Herausforderungen und braucht viel Zeit. Manchmal dauert es eine ganze Dekade, um die Abwehrkräfte zu stärken. Das gilt besonders, wenn man die Natur als Verbündete gewinnen will. Nespresso zum Beispiel bezieht den Großteil seiner Kaffeebohnen aus dem brasilianischen Cerrado und zieht wegen seiner Einwegkapseln Kritik von Umweltexperten auf sich. 2013 gab das Unternehmen eine Analyse der Ökosystemleistungen bei der International Union for Conservation of Nature (IUCN) in Auftrag. Die Untersuchung stellte erhebliche Risiken für die gesamte Kulturlandschaft fest, die kein einzelner Akteur allein bewältigen kann. Dazu gehören etwa sinkende Wasserqualität, eine eingeschränkte Wasserregulierung und Bodenerosion.
„Das Unheil zeichnete sich bereits ab“, sagt Julie Reneau, bei Nespresso verantwortlich für Nachhaltigkeitsfragen: „Wir riskierten kurz- bis mittelfristige Auswirkungen auf die Einkommen der Erzeuger, die Wasserversorgung und die Stabilität hochwertiger Liefermengen aus einer Region, die das Rückgrat der brasilianischen Kaffeeexporte bildet.“ Das Unternehmen reagierte und schmiedete eine nie dagewesene Koalition aus Erzeugern, Händlern, Röstern, Forschern, NGOs und Kommunen. Das Consórcio Cerrado das Águas (CCA) nahm 2019 den Betrieb auf. Zu den Mitgliedern zählen neben Nespresso weitere Branchengrößen. Heute begleitet und finanziert das CCA mehr als 2.000 Betriebe bei der Umsetzung von Klimaplänen. „Der Vorteil ist das Handeln auf regionaler Ebene mit einer einzigartigen Kooperationsplattform, die Konkurrenten, Genossenschaften, Erzeuger und NGOs auf ein gemeinsames Ziel ausrichtet: Wasser“, sagt Generalsekretärin Fabiane Sebaio.
Der Aufbau der Allianz war zeitaufwendig. Doch das CCA hat einen Kostenleitfaden entwickelt, der Landwirten zeigt, was es kostet, nicht zu kooperieren. „Unsere Ergebnisse zeigen: Nach einem ersten Kostenanstieg sanken die Ausgaben um 20 % bei zugleich erhöhter Widerstandsfähigkeit gegen Dürren“, sagt Sebaio. Nachdem die ersten 144 Betriebe auf nachhaltige Methoden umgestellt hatten, entstand eine „exportfähige Sozialtechnologie“, die Produktion und Naturschutz verbindet.
„Nach einem ersten Kostenanstieg sanken die Ausgaben um 20 % bei erhöhter Widerstandsfähigkeit gegen Dürren.“

Ein solches Denken und Investieren über die eigene Fabrik und Lieferkette hinaus ist noch eher die Ausnahme. Doch „naturbasierte Lösungen“, wie Fachleute sie nennen, setzen sich in vielen Branchen zunehmend durch. Die Logik dahinter ist einfach: Wer die Natur schützt, bewahrt das Gleichgewicht. In Zeiten eskalierender Klimarisiken und beispielloser Verwerfungen denken Unternehmen um und prüfen, wie sie die Ökosysteme in ihre Geschäftsstrategie integrieren können.
Bereits 2022 definierte die UN-Umweltversammlung naturbasierte Lösungen als „Maßnahmen zum Schutz, zur Erhaltung, Wiederherstellung, nachhaltigen Nutzung und Bewirtschaftung natürlicher oder veränderter Land-, Süßwasser-, Küsten- und Meeresökosysteme, die zugleich dem menschlichen Wohlergehen und der Artenvielfalt dienen“. Viel Fachjargon, der die meisten Unternehmensführer nicht sofort das Scheckbuch zücken lässt, räumt Giulia Carbone ein. Sie ist Führungskraft beim World Business Council for Sustainable Development (WBCSD), einer globalen Organisation, in der sich mehr als 200 multinationale Konzerne zusammengeschlossen haben. „Naturbasierte Lösungen dienen dem Schutz der Ökosysteme; sie sind kein Konzept, das für Unternehmen entworfen wurde“, sagt Carbone. Doch Unternehmen können es sich nicht mehr leisten, sie zu ignorieren.
Floods, landslides, wildfires, drought can shut down suppliers, destroy factories, prevent employees from coming to work and even tank share prices. Yet while apprehension about the next natural disaster is rising, companies still need guidance on why it makes sense to invest in broader adaptation measures. “The business case remains difficult to articulate and investment remains inadequate,” the WBCSD admits in one of their reports on the topic. Carbone puts it more bluntly: “Building a wall or planting some trees on the roof take a year, but neither is a nature-based solution. Interventions to protect and restore nature take 10 years or longer and require collective engagement.”
Grüner wachsen
In einer Baumschule des Mombak-Projekts in Mãe do Rio, Brasilien, wird Land, das jahrzehntelang für die Viehzucht im Amazonasgebiet genutzt wurde, nun für etwas anderes genutzt: Bäume, die klimawirksames Kohlendioxid speichern.
Die Luzerne-Lösung
Ein Pilotprojekt am Flughafen Adelaide in Südaustralien zeigt, dass effektiver Hitzeschutz mit simplen Ideen beginnen kann.
Der Ingenieur Greg Ingleton, Mitarbeiter der Wasserbehörde von Adelaide, hatte eine originelle Idee, um den Airport an Extremhitze anzupassen: Auf etwa vier der 200 Hektar rund um das Flughafengelände wurden Luzerne angebaut. Die Pilotphase kostete nur 200.000 US-Dollar und nach drei Jahren waren die Resultate ermutigend.
Die Temperaturen, im Schnitt über 40 Grad Celsius, sanken um 2,4 Grad. Der Energieverbrauch zur Kühlung des Terminals ging zurück, der Hitzestress für das Personal sank ebenfalls. Niedrigere Temperaturen senken zudem den Treibstoffverbrauch beim Start und verhindern, dass Reifen platzen.
Nach Gesprächen mit weiteren Flughäfen in heißen Regionen wie Abu Dhabi, Riad und Delhi wurde seine Idee durch Reisestopps während der Coronazeit auf Eis gelegt. Doch der Ingenieur bleibt optimistisch: „Ich hoffe, dass das irgendwann zum Standard an vielen heißen Flughäfen wird. Es liegt auf der Hand. Vielleicht ist die Idee ja zu simpel und die Leute erkennen ihren Nutzen nicht.“
Wenn Ökosysteme kollabieren, trifft es Betriebe direkt: Überschwemmungen, Erdrutsche, Waldbrände und Dürren legen Zulieferer lahm, zerstören Fabriken und lassen Aktienkurse einbrechen. Die Sorge vor der nächsten Naturkatastrophe wächst, doch Unternehmen brauchen handfeste Argumente für naturbasierte Lösungen. „Der Business-Case bleibt schwer zu vermitteln, die Investitionen sind nach wie vor unzureichend“, räumt der WBCSD in einem Bericht ein. Carbone drückt es so aus: „Eine Mauer zu bauen oder ein paar Bäume aufs Dach zu pflanzen dauert ein Jahr, aber beides sind keine naturbasierten Lösungen. Der Schutz und die Wiederherstellung der Natur brauchen zehn Jahre oder länger und erfordern kollektives Engagement.“
Der Grüne Schutzwall beginnt mit zwei Fragen: Welche Risiken und Prioritäten hat das Unternehmen? Und wer hat die gleichen Probleme? Dann gilt es, gemeinsam Lösungen zu finden und die Kosten zu teilen. Carbone und ihr Team sprechen zuerst mit den Nachhaltigkeitsverantwortlichen, dann holen sie Finanzleute, Einkäufer und Risikomanager ins Boot, damit „alle verstehen, warum sich die Investition lohnt“.
Bis heute leiden naturbasierte Lösungen unter der „Tragik der Allmende“. Der Gedanke geht auf die Politikwissenschaftlerin Elinor Ostrom zurück: Wenn viele allein ihren kurzfristigen Eigennutz verfolgen, zerstören sie ein Gemeingut. Die Erde stellt Schutzleistungen kostenlos bereit, für die niemand zahlt: Wälder binden CO₂, Mangroven und Feuchtgebiete schützen vor Sturmfluten, die Ozeane absorbieren Schadstoffe, sie ermöglichen Schifffahrt und vernetzen über Glasfaserkabel die Welt. Ohne sie gäbe es keine Globalisierung. Bislang verhalten sich Unternehmen häufig als Trittbrettfahrer. Ein Beispiel ist das Waldbrandrisiko. Nordkalifornien mit dem Silicon Valley als Epizentrum der Tech-Branche und des KI-Booms ist besonders betroffen. Die ausgetrockneten Landschaften an der Westküste stehen immer häufiger in Flammen. Als die Umweltberatung SWCA 2023 einen kommunalen Waldbrandschutzplan für die Region erstellte, von dem auch die großen Tech-Konzerne profitieren, zahlte allein die öffentliche Hand dafür. „Resilienz gegen Waldbrände ist eine operative Notwendigkeit“, sagt Victoria Amato von SWCA: „Gefährdet sind nicht nur Standorte, sondern auch die Versorgung mit Energie, Wasser und Transportwegen.“ Ihre Organisation will Firmen überzeugen, selbst zu investieren.

Zukunftswurzeln
In der Baumschule von Mombak in Mãe do Rio, Brasilien, wachsen Setzlinge einheimischer Amazonasbäume. Sie sind Teil eines Aufforstungsprojekts, das CO₂-Speicherung an große internationale Unternehmen verkauft, die ihre Treibhausgasemissionen senken wollen.
Letztlich geht es darum, den finanziellen Nutzen von Investitionen in Korallenriffe, Mangroven oder Fischergemeinden aufzuzeigen. „Die Natur ist unser größter Verbündeter bei der Risikoabsicherung. Eine Investition lohnt sich kurz- und langfristig“, sagt Karen Sack, Geschäftsführerin der Ocean Risk and Resilience Action Alliance (ORRAA). Die ORRAA vernetzt den internationalen Finanz- und Versicherungssektor mit Regierungen, gemeinnützigen Organisationen und Akteuren aus dem Globalen Süden, um neuartige Finanzprodukte zu entwickeln. „Die Natur hat unseren Lebensstil subventioniert, doch wir haben diese Subvention aufgebraucht, ohne das zu hinterfragen. Der Ozean ist wohl der größte Vermögenswert der Welt. Zwei Drittel aller börsennotierten Unternehmen sind voraussichtlich von Veränderungen im marinen Ökosystem betroffen“, erläutert Sack.
Bisher hat ihre Organisation bei der Entwicklung und Einführung von 50 neuen Finanz- und Versicherungsprodukten mitgewirkt: von Riffversicherungen der AXA Group und Munich Re bis hin zu einer neuartigen Anleihe namens T. Rowe Price Blue, die bei ihrer Emission im September 2025 mehr als 200 Millionen US-Dollar bei den Investoren einsammelte. „Die Anleihe war deutlich überzeichnet, das Interesse ist also groß“, sagt sie. Entscheidend sei der Schritt von philanthropischen Pilotprojekten hin zu kommerziell tragfähigen und skalierbaren Produkten. „Wir hören von unseren Partnern, dass es an Investitionsmöglichkeiten mangelt“, berichtet Sack.
Innerhalb von vier Jahren hat die ORRAA rund 117 Millionen US-Dollar an Investitionen mobilisiert. Expertin Sack ist zuversichtlich, das erklärte Ziel von 500 Millionen US-Dollar bis 2030 zu erreichen. Die Allianz entwickelt zudem Analysetools, mit denen Firmen ihre Risiken bewerten können.
„Die Natur ist unser größter Verbündeter bei der Risikoabsicherung. In sie zu investieren ist kurz- wie langfristig wirtschaftlich sinnvoll.“
Auch an Land gibt es Fortschritte: Das brasilianische Start-up Mombak, gegründet von zwei jungen Tech-Managern, hat mit Microsoft und Google Verträge zur CO₂-Entnahme aus der Atmosphäre abgeschlossen. Anfang 2024 vereinbarte Microsoft, über Mombaks Wiederaufforstungsprojekt im Amazonas bis 2032 insgesamt 1,5 Millionen Tonnen CO₂ aus der Atmosphäre zu binden. Google schloss einen ähnlichen Vertrag über 200.000 Tonnen ab. „Beide Konzerne helfen uns zu definieren, zu testen und zu validieren, wie eine seriöse CO₂-Entnahme aussehen kann“, sagt Mitgründer Peter Fernandez. Dass er auf tatsächliche Wirksamkeit statt auf geschönte Zahlen setzt, ist kein Zufall. „Der schlechte Ruf des CO₂-Marktes ist teilweise berechtigt“, räumt er ein. „In der Frühphase gab es Projekte, die schlecht konzipiert, schlecht überwacht und in einigen Fällen schlicht betrügerisch waren.“
Gemeinsam mit Forstbetrieben und Farmern in Brasilien schlägt das Start-up nun zwei Fliegen mit einer Klappe: Es hilft Tech-Konzernen, die Umweltfolgen des rasanten Cloud- und KI-Wachstums auszugleichen, und forstet zugleich ausgelaugte Flächen im Amazonas wieder auf. „Naturbasierte Lösungen“, sagt Fernandez, „gehören heute zum Pflichtprogramm jedes Unternehmens.“
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