In der Rückansicht geht ein Mann durch einen dichten, sonnendurchfluteten Dschungel und trägt einen riesigen, prallen gewebten Sack über seiner rechten Schulter. Er trägt ein graues Hemd sowie eine verwitterte Baseballkappe und bahnt sich seinen Weg durch das dichte tropische Blattwerk.
sustainability
28. Juli 2026

Wie naturbasierte Lösungen den Klimaschutz neu definieren

Nicht Beton und Stahl schützen am besten vor dem Klimawandel, sondern Wälder, Feuchtgebiete und Riffe. Auf der ganzen Welt entdecken Unternehmen Ökosysteme als strategische Schutzressourcen.

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Steffan Heuer
Fotos
Victor Moriyama

„Das Unheil zeichnete sich bereits ab“, sagt ­Julie ­Reneau, bei Nespresso verantwortlich für Nachhaltigkeitsfragen: „Wir riskierten kurz- bis mittelfristige Auswirkungen auf die Einkommen der Erzeuger, die Wasserversorgung und die Stabilität hochwertiger Liefermengen aus einer Region, die das Rückgrat der brasilianischen Kaffee­exporte bildet.“ Das Unternehmen reagierte und schmiedete eine nie dagewesene Koalition aus Erzeugern, Händlern, Röstern, Forschern, NGOs und Kommunen. Das ­Consórcio ­Cerrado das ­Águas (CCA) nahm 2019 den Betrieb auf. Zu den Mitgliedern zählen neben ­Nespresso weitere Branchen­größen. Heute begleitet und finanziert das CCA mehr als 2.000 Betriebe bei der Umsetzung von Klimaplänen. „Der Vorteil ist das Handeln auf regionaler Ebene mit einer einzigartigen Kooperationsplattform, die Konkurrenten, Genossenschaften, Erzeuger und NGOs auf ein gemeinsames Ziel ausrichtet: Wasser“, sagt Generalsekretärin ­Fabiane ­Sebaio. 

Der Aufbau der Allianz war zeitaufwendig. Doch das CCA hat einen Kostenleitfaden entwickelt, der Landwirten zeigt, was es kostet, nicht zu kooperieren. „Unsere Ergebnisse zeigen: Nach einem ersten Kostenanstieg sanken die Ausgaben um 20 % bei zugleich erhöhter Widerstandsfähigkeit gegen ­Dürren“, sagt ­Sebaio. Nachdem die ersten 144 Betriebe auf nachhaltige Methoden umgestellt hatten, entstand eine „exportfähige Sozialtechnologie“, die Produktion und Naturschutz verbindet.

„Nach einem ersten Kosten­anstieg sanken die Ausgaben um 20 % bei erhöhter Widerstands­fähigkeit gegen Dürren.“
Fabiane Sebaio
Generalsekretärin des ­Consórcio ­Cerrado das Águas
Bewässerungsanlagen sprühen einen dichten Wassernebel über Reihen grüner Setzlinge in einer Freiland-Baumschule. Helles, dunstiges Sonnenlicht bricht sich in den schwebenden Wassertröpfchen und erzeugt Lens-Flares vor einem Hintergrund aus fernen Bäumen.

Bereits 2022 definierte die UN-Umweltversammlung naturbasierte Lösungen als „Maßnahmen zum Schutz, zur Erhaltung, Wiederherstellung, nachhaltigen Nutzung und Bewirtschaftung natürlicher oder veränderter Land-, ­Süßwasser-, ­Küsten- und Meeres­ökosysteme, die zugleich dem menschlichen Wohl­ergehen und der Artenvielfalt dienen“. Viel Fachjargon, der die meisten Unternehmensführer nicht sofort das Scheckbuch zücken lässt, räumt ­Giulia ­Carbone ein. Sie ist Führungskraft beim World Business Council for Sustainable Development (WBCSD), einer globalen Organisation, in der sich mehr als 200 multinationale Konzerne zusammengeschlossen haben. „Naturbasierte Lösungen dienen dem Schutz der Ökosysteme; sie sind kein Konzept, das für Unternehmen entworfen wurde“, sagt ­Carbone. Doch Unternehmen können es sich nicht mehr leisten, sie zu ignorieren.

Floods, landslides, wildfires, drought can shut down suppliers, destroy factories, prevent employees from coming to work and even tank share ­prices. Yet while apprehension about the next natural ­disaster is rising, companies still need guidance on why it makes sense to invest in broader adaptation measures. “The business case remains difficult to articulate and investment remains ­inadequate,” the WBCSD admits in one of their reports on the topic. Carbone puts it more bluntly: “Building a wall or planting some trees on the roof take a year, but neither is a nature-based solution. Interventions to protect and restore ­nature take 10 years or longer and require collective engagement.” 

Grüner wachsen

In einer Baumschule des Mombak-Projekts in Mãe do Rio, Brasilien, wird Land, das jahrzehntelang für die Viehzucht im Amazonasgebiet genutzt wurde, nun für etwas anderes genutzt: Bäume, die klimawirksames Kohlendioxid speichern.

Die Luzerne-Lösung

Ein Pilotprojekt am Flughafen Adelaide in ­Südaustralien zeigt, dass effektiver Hitze­schutz mit simplen Ideen beginnen kann.

Der Ingenieur Greg ­Ingleton, Mitarbeiter der Wasserbehörde von Adelaide, hatte eine originelle Idee, um den Airport an Extremhitze anzu­passen: Auf etwa vier der 200 Hektar rund um das Flughafen­gelände wurden Luzerne angebaut. Die Pilotphase kostete nur 200.000 US-Dollar und nach drei Jahren waren die Resultate ermutigend. 

Die Temperaturen, im Schnitt über 40 Grad Cel­sius, sanken um 2,4 Grad. Der Energie­verbrauch zur Kühlung des Terminals ging zurück, der Hitzestress für das Personal sank ebenfalls. Niedrigere Temperaturen senken zudem den Treibstoffverbrauch beim Start und verhindern, dass Reifen platzen.

Nach Gesprächen mit weiteren Flughäfen in heißen Regionen wie ­Abu ­Dhabi, Riad und Delhi wurde seine Idee durch Reisestopps während der Coronazeit auf Eis gelegt. Doch der Ingenieur bleibt optimistisch: „Ich hoffe, dass das irgendwann zum Standard an vielen heißen Flughäfen wird. Es liegt auf der Hand. Vielleicht ist die Idee ja zu simpel und die Leute erkennen ihren Nutzen nicht.“

70%
Anteil der Finanzierung des Consórcio Cerrado das Águas, der aus den Mitgliedsbeiträgen assoziierter Unternehmen stammt. Der Rest setzt sich aus Zuschüssen und sonstigen Zuwendungen zusammen.
Quelle: CCA

Wenn Ökosysteme kollabieren, trifft es Betriebe direkt: Überschwemmungen, Erdrutsche, Waldbrände und Dürren legen Zulieferer lahm, zerstören Fabriken und lassen Aktienkurse einbrechen. Die Sorge vor der nächsten Naturkatastrophe wächst, doch Unternehmen brauchen handfeste Argumente für naturbasierte Lösungen. „Der Business-Case bleibt schwer zu vermitteln, die Investitionen sind nach wie vor unzureichend“, räumt der WBCSD in einem Bericht ein. ­Carbone drückt es so aus: „Eine Mauer zu bauen oder ein paar Bäume aufs Dach zu pflanzen dauert ein Jahr, aber beides sind keine naturbasierten Lösungen. Der Schutz und die Wiederherstellung der Natur brauchen zehn Jahre oder länger und erfordern kollektives Engagement.“

Der Grüne Schutzwall beginnt mit zwei Fragen: Welche Risiken und Prioritäten hat das Unternehmen? Und wer hat die gleichen Probleme? Dann gilt es, gemeinsam Lösungen zu finden und die Kosten zu teilen. ­Carbone und ihr Team sprechen zuerst mit den Nachhaltigkeitsverantwortlichen, dann holen sie Finanzleute, Einkäufer und Risikomanager ins Boot, damit „alle verstehen, warum sich die Investition lohnt“. 

Bis heute leiden naturbasierte Lösungen unter der „Tragik der Allmende“. Der Gedanke geht auf die Politikwissenschaftlerin Elinor Ostrom zurück: Wenn viele allein ihren kurzfristigen Eigennutz verfolgen, zerstören sie ein Gemeingut. Die Erde stellt Schutzleistungen kostenlos bereit, für die niemand zahlt: Wälder binden CO₂, Mangroven und Feuchtgebiete schützen vor Sturmfluten, die Ozeane absorbieren Schadstoffe, sie ermöglichen Schifffahrt und vernetzen über Glasfaserkabel die Welt. Ohne sie gäbe es keine Globalisierung. Bislang verhalten sich Unternehmen häufig als Trittbrettfahrer. Ein Beispiel ist das Waldbrandrisiko. Nordkalifornien mit dem ­Silicon ­Valley als Epizentrum der Tech-Branche und des KI-Booms ist besonders betroffen. Die ausgetrockneten Landschaften an der Westküste stehen immer häufiger in Flammen. Als die Umweltberatung SWCA 2023 einen kommunalen Waldbrandschutzplan für die Region erstellte, von dem auch die großen Tech-Konzerne profitieren, zahlte allein die öffentliche Hand dafür. „Resilienz gegen Waldbrände ist eine operative Notwendigkeit“, sagt ­Victoria ­Amato von SWCA: „Gefährdet sind nicht nur Standorte, sondern auch die Versorgung mit Energie, Wasser und Transportwegen.“ Ihre Organisation will Firmen überzeugen, selbst zu investieren.

Aus der Vogelperspektive betrachtet, ist ein ordentliches Raster dunkler, rechteckiger Kunststoffschalen dicht bepackt mit einer üppigen Vielfalt leuchtend grüner Keimlinge und blättriger Setzlinge.

Zukunftswurzeln

In der Baumschule von Mombak in Mãe do Rio, Brasilien, wachsen Setzlinge einheimischer Amazonas­bäume. Sie sind Teil eines Aufforstungs­projekts, das CO₂-Speicherung an große internationale Unternehmen verkauft, die ihre Treibhausgasemissionen senken wollen.

Neun naturbasierte Schutzpläne, die sich auszahlen 

Line-Art-Icon einer quadratischen Box, die durch einen schleifenförmigen Pfeil mit kreisförmigen Netzwerkknoten verbunden ist und eine Lieferkette oder Kreislaufwirtschaft darstellt.

1. Risiken in den Lieferketten senken und ­Kooperation mit regionalen Akteuren stärken

Line-Art-Icon eines Kreises, der auf der linken Seite in einem Pfeil endet, mit einem Dreieck samt Ausrufezeichen in der Mitte.

2. Risiken im eigenen Betrieb reduzieren

Line-Art-Icon, das das World Wide Web symbolisiert, mit einem Setzling an der Spitze.

3. Auswirkungen auf Natur und Bio­diversität verringern

Line-Art-Icon eines Diagramms, das eine Aufwärtsbewegung und einen Pfeil an der Spitze zeigt.

4. Geschäfts­er­gebnisse ver­bessern

Line-Art-Icon eines formellen Dokuments oder Zertifikats mit Textzeilen und einem Bandsiegel am unteren Rand.

5. Regulatorische Vorgaben erfüllen und Genehmi­gungen zum Betrieb sichern

Line-Art-Icon einer runden Spirale, die auf der linken Seite in einem Pfeil endet, mit einem Euro-Zeichen in der Mitte.

6. Investitions- und Betriebskosten (CAPEX/OPEX) senken

Line-Art-Icon einer großen Herzform, flankiert von einem Schild und einem kreisförmigen Knoten, die beide Pluszeichen enthalten und durch eine geschwungene Linie miteinander verbunden sind.

7. Direkten und indirekten Gesund­heits­nutzen für Gemeinden und Mitarbeiter bieten

Strichgrafik-Symbol eines Industrietanks mit einem kreisförmigen Knotenpunkt, der das Symbol „CO2“ und einen nach unten gerichteten Pfeil aufweist.

8. Lieferketten dekarbonisieren

Strichgrafik-Symbol eines Ausweisdokuments oder einer Personalakte mit der Silhouette eines Benutzerprofils.

9. Recruiting, Mitarbeiterbindung und Image der Marke stärken

Bisher hat ihre Organisation bei der Entwicklung und Einführung von 50 neuen ­Finanz- und Versicherungs­produkten mitgewirkt: von Riffversicherungen der AXA Group und Munich Re bis hin zu einer neuartigen Anleihe namens T. Rowe ­Price Blue, die bei ihrer Emission im September 2025 mehr als 200 Millionen US-Dollar bei den Investoren einsammelte. „Die Anleihe war deutlich überzeichnet, das Interesse ist also groß“, sagt sie. Entscheidend sei der Schritt von philanthropischen Pilotprojekten hin zu kommerziell tragfähigen und skalierbaren Produkten. „Wir hören von unseren Partnern, dass es an Investitionsmöglichkeiten mangelt“, berichtet Sack.

Innerhalb von vier Jahren hat die ­ORRAA rund 117 Millionen US-Dollar an Investitionen mobilisiert. Expertin Sack ist zuversichtlich, das erklärte Ziel von 500 Millionen US-Dollar bis 2030 zu erreichen. Die Allianz entwickelt zudem Analyse­tools, mit denen Firmen ihre Risiken bewerten können. 

„Die Natur ist unser größter Verbündeter bei der Risiko­absicherung. In sie zu investieren ist kurz- wie lang­fristig wirtschaftlich sinnvoll.“
Karen Sack
Geschäftsführerin der ORRAA
117 Mio. USD
Höhe der Investitionen, die ORRAA durch Sachleistungen ihrer Mitglieder und zusätzliche Direkt­investitionen von 65 Millionen US-Dollar insgesamt mobilisiert hat.
Quelle: ORRAA

Auch an Land gibt es Fortschritte: Das brasilianische Start-up ­Mombak, gegründet von zwei jungen Tech-Managern, hat mit ­Microsoft und ­Google Verträge zur CO₂-Entnahme aus der Atmosphäre abgeschlossen. Anfang 2024 vereinbarte Microsoft, über ­Mombaks Wiederaufforstungsprojekt im Amazonas bis 2032 insgesamt 1,5 Millionen Tonnen CO₂ aus der Atmosphäre zu binden. ­Google schloss einen ähnlichen Vertrag über 200.000 Tonnen ab. „Beide Konzerne helfen uns zu definieren, zu testen und zu validieren, wie eine seriöse CO₂-Entnahme aussehen kann“, sagt Mitgründer ­Peter ­Fernandez. Dass er auf tatsächliche Wirksamkeit statt auf geschönte Zahlen setzt, ist kein Zufall. „Der schlechte Ruf des CO₂-Marktes ist teilweise berechtigt“, räumt er ein. „In der Frühphase gab es Projekte, die schlecht konzipiert, schlecht überwacht und in einigen Fällen schlicht betrügerisch waren.“

Gemeinsam mit Forstbetrieben und Farmern in Brasilien schlägt das Start-up nun zwei Fliegen mit einer Klappe: Es hilft Tech-Konzernen, die Umweltfolgen des rasanten Cloud- und KI-Wachstums auszugleichen, und forstet zugleich ausgelaugte Flächen im Amazonas wieder auf. „Naturbasierte Lösungen“, sagt ­Fernandez, „gehören heute zum Pflichtprogramm jedes Unternehmens.“

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