Zwei Landarbeiter knien nachts auf einem dunklen Feld, das nur von ihren hellen LED-Stirnlampen beleuchtet wird. Sie tragen Handschuhe sowie Mützen und schneiden mit Handscheren Zwiebeln aus dem Boden.
TechnologIe
28. Juli 2026

Die wirtschaftlichen Kosten extremer Hitze

Hitze kennt keine Grenzen: Sie bedroht Millionen Beschäftigte und die Unternehmen, die auf sie angewiesen sind. Firmen, die nicht frühzeitig in den Hitzeschutz investieren, riskieren Menschenleben und teure rechtliche Auseinandersetzungen.

Text
Geoff Poulton
Fotos
Paul Ratje

Auch sein Vater gehörte zu den Opfern, er starb mit nur 43 Jahren. Kurz vor seinem Tod gab er seinem Sohn eine knappe, aber lebensverändernde Botschaft mit auf den Weg: „Lerne, damit du nicht endest wie ich!“ ­Martinez folgte seinem Rat. Er studierte Wirtschaftsingenieurwesen mit dem Schwerpunkt Arbeitsschutz. Heute setzt er sich auf der ganzen Welt dafür ein, Arbeitnehmer vor den Gefahren extremer Hitze zu schützen. „Was ich in meiner Gemeinde erlebt habe, ist kein Einzelfall“, sagt ­Martinez: „Extreme Hitze unterscheidet nicht zwischen Land, Sprache oder Branche.“

Unternehmen können diese Entwicklung nicht mehr ignorieren. 2024 war das heißeste Jahr seit Beginn der Wetteraufzeichnungen, 2025 liegt nach vorläufigen Daten nur knapp dahinter. Die vergangenen elf Jahre zählen allesamt zu den wärmsten seit 176 Jahren, die letzten drei brachen alle Rekorde. Was lange als saisonales Ärgernis oder regionales Problem galt, ist heute ein fundamentales Risiko für die Weltwirtschaft.

Mindestens 2,4 Milliarden Beschäftigte auf der ganzen Welt sind heute übermäßiger Hitze ausgesetzt. Das führt laut einem Bericht der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) von 2024 zu 22,8 Millionen Arbeitsunfällen und rund 19.000 Todesfällen im Jahr. Die Gesundheitsrisiken sind vielfältig: Hitzeschlag, Dehydrierung, Nierenversagen, Herz-Kreislauf-Probleme, neurologische Störungen. All das beeinträchtigt nicht nur die Gesundheit, sondern auch das Einkommen und die wirtschaftliche Sicherheit der Betroffenen. Psychische Folgen wie Stress, Erschöpfung und Angst werden oft über­sehen. Erschwerend kommt hinzu, dass Hitze ein „stiller Killer“ ist, wie ­Radhika ­Khosla erklärt, Professorin an der Smith School of Enterprise and the Environment der University of Oxford und Expertin für Klimaresilienz: „Chronische Hitzefolgen und sinkende Leistung werden oft anderen Ursachen zugeschrieben. Arbeitgeber unterschätzen so die Gefahr.“

Landarbeiter ernten Feldfrüchte auf einem dunklen Acker unter einem tiefen Dämmerungshimmel. Ein Arbeiter nutzt eine leuchtende Stirnlampe, um den Boden zu beleuchten, während Dutzende große Erntebehälter in der Ferne die Reihen säumen.

Andreas Flouris, Professor für Physiologie an der Universität Thessalien in Griechenland und Mitautor des ILO-Berichts 2024, sieht darin „nicht nur ein moralisches Versagen, sondern eine wirtschaftliche und soziale Herausforderung, die die globale Stabilität bedroht“. Besonders betroffen sind Beschäftigte in einkommensschwachen Regionen sowie Menschen, die im Freien oder in unzureichend gekühlten Innenräumen arbeiten: Sie tragen die größte Last und können sich kaum an die Hitze anpassen. Das Ergebnis ist eine wachsende Kluft zwischen geschützten Arbeitnehmern in klimatisierten Umgebungen und jenen, die ungeschützt in lebensbedrohlicher Hitze arbeiten müssen. „Lassen wir diese Spaltung größer werden, riskieren wir katastrophale Folgen“, warnt Flouris: „massenhafte Gesundheitskrisen, explodierende Gesundheitskosten, langfristige Produktivitätsverluste und den Kollaps von Lieferketten.“

Die weitverbreitete Annahme, extreme Hitze betreffe vor allem heiße Regionen, ist falsch, betont Khosla: „Tatsächlich führt die fehlende Erfahrung mit Extremhitze in Regionen wie Nord­europa dazu, dass Firmen, Wohnhäuser, Städte und Lieferketten nicht für solche Bedingungen ausgelegt sind. Und das macht die Folgen zunehmender Hitzewellen umso gefährlicher.“ Studien, die ­Khosla 2023 mit Kollegen an der University of ­Oxford durchgeführt hat, zeigen, dass Länder wie Norwegen, Großbritannien und die Schweiz „gefährlich unvorbereitet“ dastehen. Laut ILO stieg die Hitzebelastung in Europa und Zentralasien zwischen 2000 und 2020 um 17,3 % – fast doppelt so stark wie im globalen Durchschnitt.

NACHTARBEITER

Die Zwiebelernte findet meist von Ende Mai bis August statt. In der Gegend um Salem, New Mexico, müssen Arbeiter tagsüber mit bis zu 35 °C rechnen. Nachts sinken die Temperaturen auf 16 °C.

„Chronische Hitzefolgen und sinkende Leistung werden oft anderen Ursachen zugeschrieben. Arbeitgeber unterschätzen so die Gefahr.“
Radhika Khosla
Professorin an der University of Oxford
361 Mrd. USD
Summe, die man einsparen würde, wenn weltweit Maßnahmen zur Arbeitssicherheit und zum Schutz der Gesundheit hitzebedingte Beeinträchtigungen verhindern könnten.
2.41 Mrd.
So viele Beschäftigte sind weltweit extremer Hitze ausgesetzt, das entspricht 70 % der arbeitenden Bevölkerung.
Quelle: Internationale Arbeitsorganisation

Die Folgen extremer Hitze belasten auch die Wasserversorgung, gefährden die Energieinfrastruktur und stören Logistik und Produktion. Der Finanzdienstleister Moody’s schätzt, dass Hitzewellen die Weltwirtschaft bereits 1 % des jährlichen BIP kosten. Laut Flouris sinkt die Produktivität pro Grad Celsius über 18 Grad um etwa 2,2 %. Bei großen Belegschaften und komplexen Abläufen addieren sich diese Verluste. Die ILO schätzt, dass Arbeitsschutzmaßnahmen gegen hitzebedingte Beeinträchtigungen weltweit über 361 Milliarden US-Dollar einsparen könnten. Dennoch handeln viele Unternehmen nur zögerlich. ­Flouris fordert ein Umdenken: Nicht die Kosten für den Schutz der Beschäftigten sollten im Vordergrund stehen, sondern die Kosten des Nichtstuns. Die wirksamsten Maßnahmen sind oft sehr einfach: geregelte ­Arbeits- und Pausen­zeiten, Zugang zu Schatten und Trinkwasser, schrittweise Eingewöhnung an die Hitze und Arbeit während der kühleren Stunden des Tages. Solche Maßnahmen schützen nicht nur die Gesundheit, sie steigern auch die Produktivität, reduzieren Fehler und stabilisieren Abläufe. „In diesem Sinne ist Hitzeschutz kein Kostenfaktor, sondern eine Investition in Humankapital“, sagt Flouris.

Jason Glaser kennt die Wirksamkeit solcher Maßnahmen aus erster Hand. Er ist CEO von La ­Isla Network, einer Organisation, die hitzebedingte Erkrankungen bei Arbeitnehmern bekämpft. Gemeinsam mit ­William ­Martinez begleitete er ein mehrjähriges Programm in einer nicaraguanischen Zuckerfabrik. Dort sorgten mehr Pausen, Schatten und Flüssigkeitszufuhr für spürbare Erleichterung. Die Fälle von akuten Nierenschädigungen durch Hitze gingen um 94 % zurück, tödliche Hitzschläge traten gar nicht mehr auf und die Produktivität stieg um 10 bis 20 %. Weniger Fehlzeiten, Unfälle und Fluktuation brachten zudem eine Rendite von 22 %. ­Glaser hofft, dass solche Ergebnisse Politik und Unternehmen zum Handeln bewegen. „Die größte Hürde bleibt fehlendes Engagement auf allen Ebenen“, sagt er. „Ohne Rückendeckung von der Führungsspitze bis zu den Vorarbeitern scheitern selbst die effektivsten Maßnahmen.“

Jason Glaser knows just how effective these ­interventions can be. He is the CEO of La Isla ­Network, an organization dedicated to ending heat-related illnesses among workers worldwide, as well as a colleague of William Martinez. Glaser says a multiyear program by La Isla Network at a Nicaraguan sugar mill that improved rest, shade and hydration led to a series of impressive results, including: a 94% reduction in cases of acute ­kidney injury linked to excessive heat, eliminated fatal heatstroke cases, increased productivity by 10% to 20% and generated a positive return on investment of 22% through lower absenteeism, reduced accidents and decreased staff turnover. 

Glaser hopes evidence such as this will lead to increased action among policymakers and businesses. “Organizational buy-in remains a major ­obstacle,” he says. “Without alignment from senior leadership down to front-line supervisors, even well-designed interventions can fail.”

Zwei Landarbeiter ernten Zwiebeln auf einem unbefestigten Feld. Ein Arbeiter in einem rosafarbenen Kapuzenpullover kniet, um die Ernte in Körben zu sammeln, während ein anderer in einem karierten Hemd und mit Gesichtsschutz eine massive Erntebox aus Plastik ankippt.

ERSTES TAGESLICHT

Nach einer durchgearbeiteten Nacht beginnt im Morgengrauen für viele Landarbeiter in New Mexico die letzte Schicht.

Auf übergeordneter Ebene erfordert mehr Hitzeresilienz auch ein Umdenken bei der Gestaltung von Gebäuden und Städten. „Der Trend zu gläsernen Bürotürmen ist besonders bedenklich“, sagt ­Khosla. „Sie speichern Hitze wie Gewächshäuser und müssen massiv klimatisiert werden.“ Für ­Becci ­Taylor, Direktorin beim Ingenieur- und Designunternehmen ­Arup, liegt die Priorität darin, das Aufheizen von Gebäuden von vornherein zu verhindern. „Dazu gehören Beschattung von außen durch Markisen und Rollläden, reflektierende Oberflächen, bessere Belüftung, begrünte Dächer und helle Fassaden“, sagt sie. „Sanierungsvorschriften müssen Klima­anpassung und Energieeffizienz verbinden, statt sie getrennt zu behandeln. Hitzeresilienz muss Teil einer ganzheitlichen Klimastrategie mit CO₂-­armen und naturbasierten Ansätzen sein.“

Roofs are a great example, Taylor says. “They typically transmit heat into buildings in summer and lose heat in winter, but this can be reduced by making them reflective and better insulated. Green roofs support biodiversity and cool in summer, blue roofs manage stormwater and photovoltaic roofs generate power while reducing heat transmission.” In New York City, Arup coated more than 500,000 square meters of rooftops with reflective materials, lowering indoor temperatures by up to 30% during heat waves.

Khosla shares this view, emphasizing the ­importance of passive cooling techniques such as natural ventilation, shade, vegetation and ceiling fans – approaches that have been used for centuries in hotter climates. Where air conditioning is unavoidable, she argues, businesses should invest in the most efficient systems available and ensure they are powered by increasingly decarbonized ­energy grids. “Otherwise, companies risk locking themselves into a vicious cycle in which fossil ­fuels are burned to keep buildings cool, emissions rise and heat stress intensifies further.”

„Hitzestress kostet Arbeitsstunden, verursacht Unfälle, treibt die Fluktuation in die Höhe und schafft Haftungsrisiken. Das zu ignorieren, ist schlecht fürs Geschäft.“
Andreas Flouris
Professor an der Universität Thessalien

Fünf Maßnahmen für besseren Hitzeschutz am Arbeitsplatz

Line-Art-Icon eines lächelnden Gesichts neben einer Uhr, das Zeitbewusstsein symbolisiert.
Zeitplan an die Hitze anpassen

Verlegen Sie körper­lich anstrengende Arbeiten in kühlere Stunden, führen Sie obligatorische Ruhezyklen ein und senken Sie die Leistungserwartungen bei extremer Hitze. Produktivitäts­verluste durch Hitze fallen höher aus als die Kosten einer flexiblen Zeitplanung.

Line-Art-Icon einer Person, die mit einem großen Wasserkrug an einem Fenster steht.
Menschen zuerst, Gebäude danach

Bevorzugen Sie Schatten, Luft­zirkulation, Trinkwasser und Erholungszonen nah am Arbeitsort. Schattige Pausen­plätze, kühles Wasser, Ventila­toren, Sprühnebel oder Kühlwesten wirken oft schneller als der Betrieb von Klimaanlagen.

Line-Art-Icon eines Balkendiagramms mit einer nach oben weisenden Trendlinie unter einer Sonne, das steigende Temperaturen illustriert.
Daten zum Vorbeugen nutzen

Verfolgen Sie Hitzebelastungen mit Echtzeit-Daten, dem Hitzestress-­Index WBGT und tragbaren Sensoren. Setzen Sie auf automatische Schutzmaßnahmen wie Pausen oder klar definierte Arbeitsstopps, bevor Beschäftigte Symptome zeigen.

Line-Art-Icon von städtischen Gebäuden, umgeben von Wellenlinien, die städtische Hitze darstellen.
Hitze möglichst vermeiden

Wärmeeintrag mit baulichen Mitteln senken: Außenverschattung, reflektierende Dächer und Fassaden, natürliche Belüftung und Dachbegrünung. Gebäude, die Hitze speichern, treiben Energie­kosten und Ausfall­zeiten bei Hitze­wellen in die Höhe.

Line-Art-Icon eines Mannes mit ausgestreckter Hand, über der ein Kreis mit Wellen schwebt; es symbolisiert Hitzeschutz als Führungsaufgabe.
Hitzeschutz wird Chefsache

Ohne Rückhalt von oben scheitert jeder Hitzeschutz. Klare Vorgaben, Schulungen für Vorgesetzte und Rechenschafts­pflicht auf Führungs­ebene machen Hitze­schutz vom saisonalen Randthema zur ganzjährigen Routine.

Auch Khosla unterstreicht die Bedeutung passiver Kühltechniken. Menschen in heißen Klimazonen nutzen Methoden wie natürliche Belüftung, Schatten und Begrünung seit Jahrhunderten. Wo Klimaanlagen unvermeidbar sind, sollten Unternehmen in die effizientesten Systeme investieren und sicherstellen, dass diese mit grüner Energie betrieben werden. „Andernfalls droht ein Teufelskreis“, warnt Khosla: „Fossile Energien kühlen Gebäude, die Emissionen steigen, und die Hitzebelastung verschärft sich in der Folge weiter.“ Das Thema Hitzeresilienz prägt auch Entscheidungen über den Arbeitsplatz hinaus. Städte wie Los Angeles, Melbourne und Athen haben Hitzebeauftragte, um die Folgen hoher Temperaturen für Einwohner, Wirtschaft und Infrastruktur abzumildern. Hitzewellen können Stromausfälle und Wasserknappheit auslösen und ganze Regionen lahmlegen.

Besonders gefährdet sind die Rechenzentren, das Herz der digitalen Wirtschaften und Gesellschaften. Im Juli 2022 führten sommerliche Hitzewellen in Großbritannien zu Ausfällen in Rechenzentren. Cloudbasierte Dienste und davon abhängige Unternehmen in den USA waren ebenfalls betroffen. Ein Bericht des Risikoanalyse-Unternehmens Verisk Maplecroft warnt, dass mehr als die Hälfte der 100 wichtigsten Rechenzentren der Welt durch steigende Temperaturen einem wachsenden Risiko ausgesetzt seien. Für viele Unternehmen stehen jedoch ihre Beschäftigten im Mittelpunkt. „Der Schutz der Mitarbeiter vor Hitze ist eine unverzichtbare Säule eines nachhaltigen, profitablen und zugleich widerstandsfähigen Geschäftsmodells“, sagt Flouris. „Der Klimawandel macht die Temperaturbedingungen am Arbeitsplatz zu einem messbaren Produktionsfaktor. Hitzestress kostet Arbeitsstunden, verursacht Unfälle, treibt die Fluktuation in die Höhe und schafft Haftungsrisiken. Das zu ignorieren, ist schlecht fürs Geschäft.“

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