
Die wirtschaftlichen Kosten extremer Hitze
Hitze kennt keine Grenzen: Sie bedroht Millionen Beschäftigte und die Unternehmen, die auf sie angewiesen sind. Firmen, die nicht frühzeitig in den Hitzeschutz investieren, riskieren Menschenleben und teure rechtliche Auseinandersetzungen.
William Martinez war zwölf Jahre alt, als er in Chichigalpa mit dem Schneiden von Zuckerrohr begann. In seiner nicaraguanischen Gemeinde arbeiteten die Männer Tag für Tag zwölf Stunden in der prallen Sonne, mit wenig Wasser, ohne Schatten und ohne Pausen. Was als wichtiger Beitrag zum Lebensunterhalt der Familie begann, wurde schnell zu einem Überlebenskampf. Viele Freunde, Cousins und Kollegen starben an einer mysteriösen chronischen Nierenerkrankung, die sich in der Belegschaft verbreitete. „Wir schneiden Zuckerrohr, wir werden krank, und wir sterben.“ Das war der Satz, der eine ganze Generation prägte, berichtet Martinez.
Auch sein Vater gehörte zu den Opfern, er starb mit nur 43 Jahren. Kurz vor seinem Tod gab er seinem Sohn eine knappe, aber lebensverändernde Botschaft mit auf den Weg: „Lerne, damit du nicht endest wie ich!“ Martinez folgte seinem Rat. Er studierte Wirtschaftsingenieurwesen mit dem Schwerpunkt Arbeitsschutz. Heute setzt er sich auf der ganzen Welt dafür ein, Arbeitnehmer vor den Gefahren extremer Hitze zu schützen. „Was ich in meiner Gemeinde erlebt habe, ist kein Einzelfall“, sagt Martinez: „Extreme Hitze unterscheidet nicht zwischen Land, Sprache oder Branche.“
Unternehmen können diese Entwicklung nicht mehr ignorieren. 2024 war das heißeste Jahr seit Beginn der Wetteraufzeichnungen, 2025 liegt nach vorläufigen Daten nur knapp dahinter. Die vergangenen elf Jahre zählen allesamt zu den wärmsten seit 176 Jahren, die letzten drei brachen alle Rekorde. Was lange als saisonales Ärgernis oder regionales Problem galt, ist heute ein fundamentales Risiko für die Weltwirtschaft.
Mindestens 2,4 Milliarden Beschäftigte auf der ganzen Welt sind heute übermäßiger Hitze ausgesetzt. Das führt laut einem Bericht der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) von 2024 zu 22,8 Millionen Arbeitsunfällen und rund 19.000 Todesfällen im Jahr. Die Gesundheitsrisiken sind vielfältig: Hitzeschlag, Dehydrierung, Nierenversagen, Herz-Kreislauf-Probleme, neurologische Störungen. All das beeinträchtigt nicht nur die Gesundheit, sondern auch das Einkommen und die wirtschaftliche Sicherheit der Betroffenen. Psychische Folgen wie Stress, Erschöpfung und Angst werden oft übersehen. Erschwerend kommt hinzu, dass Hitze ein „stiller Killer“ ist, wie Radhika Khosla erklärt, Professorin an der Smith School of Enterprise and the Environment der University of Oxford und Expertin für Klimaresilienz: „Chronische Hitzefolgen und sinkende Leistung werden oft anderen Ursachen zugeschrieben. Arbeitgeber unterschätzen so die Gefahr.“

IN ALLEN WELTREGIONEN rückt Hitzebelastung am Arbeitsplatz stärker in den Fokus. In Lagerhallen werden bis zu 55 Grad Celsius gemessen, auf Baustellen herrschen ähnliche Bedingungen, und in Lieferfahrzeugen erreicht das Thermometer in Extremfällen bis zu 50 Grad. Diese Bedingungen gefährden nicht nur die Gesundheit der Beschäftigten, sondern auch den Ruf der Unternehmen. Besonders betroffen sind Landwirtschaft, Baugewerbe, Versorgungsbetriebe, Logistik und Industrie – also Branchen, die globale Lieferketten sichern und auf manuelle Arbeit in heißen, oft schlecht regulierten Umgebungen setzen. Ein gemeinsamer Bericht der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO) und der Weltwetterorganisation (WMO) belegt: Landarbeiter sterben 35-mal häufiger an hitzebedingten Berufskrankheiten als Beschäftigte anderer Branchen.
Andreas Flouris, Professor für Physiologie an der Universität Thessalien in Griechenland und Mitautor des ILO-Berichts 2024, sieht darin „nicht nur ein moralisches Versagen, sondern eine wirtschaftliche und soziale Herausforderung, die die globale Stabilität bedroht“. Besonders betroffen sind Beschäftigte in einkommensschwachen Regionen sowie Menschen, die im Freien oder in unzureichend gekühlten Innenräumen arbeiten: Sie tragen die größte Last und können sich kaum an die Hitze anpassen. Das Ergebnis ist eine wachsende Kluft zwischen geschützten Arbeitnehmern in klimatisierten Umgebungen und jenen, die ungeschützt in lebensbedrohlicher Hitze arbeiten müssen. „Lassen wir diese Spaltung größer werden, riskieren wir katastrophale Folgen“, warnt Flouris: „massenhafte Gesundheitskrisen, explodierende Gesundheitskosten, langfristige Produktivitätsverluste und den Kollaps von Lieferketten.“
Die weitverbreitete Annahme, extreme Hitze betreffe vor allem heiße Regionen, ist falsch, betont Khosla: „Tatsächlich führt die fehlende Erfahrung mit Extremhitze in Regionen wie Nordeuropa dazu, dass Firmen, Wohnhäuser, Städte und Lieferketten nicht für solche Bedingungen ausgelegt sind. Und das macht die Folgen zunehmender Hitzewellen umso gefährlicher.“ Studien, die Khosla 2023 mit Kollegen an der University of Oxford durchgeführt hat, zeigen, dass Länder wie Norwegen, Großbritannien und die Schweiz „gefährlich unvorbereitet“ dastehen. Laut ILO stieg die Hitzebelastung in Europa und Zentralasien zwischen 2000 und 2020 um 17,3 % – fast doppelt so stark wie im globalen Durchschnitt.
NACHTARBEITER
Die Zwiebelernte findet meist von Ende Mai bis August statt. In der Gegend um Salem, New Mexico, müssen Arbeiter tagsüber mit bis zu 35 °C rechnen. Nachts sinken die Temperaturen auf 16 °C.
„Chronische Hitzefolgen und sinkende Leistung werden oft anderen Ursachen zugeschrieben. Arbeitgeber unterschätzen so die Gefahr.“
Die Folgen extremer Hitze belasten auch die Wasserversorgung, gefährden die Energieinfrastruktur und stören Logistik und Produktion. Der Finanzdienstleister Moody’s schätzt, dass Hitzewellen die Weltwirtschaft bereits 1 % des jährlichen BIP kosten. Laut Flouris sinkt die Produktivität pro Grad Celsius über 18 Grad um etwa 2,2 %. Bei großen Belegschaften und komplexen Abläufen addieren sich diese Verluste. Die ILO schätzt, dass Arbeitsschutzmaßnahmen gegen hitzebedingte Beeinträchtigungen weltweit über 361 Milliarden US-Dollar einsparen könnten. Dennoch handeln viele Unternehmen nur zögerlich. Flouris fordert ein Umdenken: Nicht die Kosten für den Schutz der Beschäftigten sollten im Vordergrund stehen, sondern die Kosten des Nichtstuns. Die wirksamsten Maßnahmen sind oft sehr einfach: geregelte Arbeits- und Pausenzeiten, Zugang zu Schatten und Trinkwasser, schrittweise Eingewöhnung an die Hitze und Arbeit während der kühleren Stunden des Tages. Solche Maßnahmen schützen nicht nur die Gesundheit, sie steigern auch die Produktivität, reduzieren Fehler und stabilisieren Abläufe. „In diesem Sinne ist Hitzeschutz kein Kostenfaktor, sondern eine Investition in Humankapital“, sagt Flouris.
Jason Glaser kennt die Wirksamkeit solcher Maßnahmen aus erster Hand. Er ist CEO von La Isla Network, einer Organisation, die hitzebedingte Erkrankungen bei Arbeitnehmern bekämpft. Gemeinsam mit William Martinez begleitete er ein mehrjähriges Programm in einer nicaraguanischen Zuckerfabrik. Dort sorgten mehr Pausen, Schatten und Flüssigkeitszufuhr für spürbare Erleichterung. Die Fälle von akuten Nierenschädigungen durch Hitze gingen um 94 % zurück, tödliche Hitzschläge traten gar nicht mehr auf und die Produktivität stieg um 10 bis 20 %. Weniger Fehlzeiten, Unfälle und Fluktuation brachten zudem eine Rendite von 22 %. Glaser hofft, dass solche Ergebnisse Politik und Unternehmen zum Handeln bewegen. „Die größte Hürde bleibt fehlendes Engagement auf allen Ebenen“, sagt er. „Ohne Rückendeckung von der Führungsspitze bis zu den Vorarbeitern scheitern selbst die effektivsten Maßnahmen.“
Jason Glaser knows just how effective these interventions can be. He is the CEO of La Isla Network, an organization dedicated to ending heat-related illnesses among workers worldwide, as well as a colleague of William Martinez. Glaser says a multiyear program by La Isla Network at a Nicaraguan sugar mill that improved rest, shade and hydration led to a series of impressive results, including: a 94% reduction in cases of acute kidney injury linked to excessive heat, eliminated fatal heatstroke cases, increased productivity by 10% to 20% and generated a positive return on investment of 22% through lower absenteeism, reduced accidents and decreased staff turnover.
Glaser hopes evidence such as this will lead to increased action among policymakers and businesses. “Organizational buy-in remains a major obstacle,” he says. “Without alignment from senior leadership down to front-line supervisors, even well-designed interventions can fail.”

ERSTES TAGESLICHT
Nach einer durchgearbeiteten Nacht beginnt im Morgengrauen für viele Landarbeiter in New Mexico die letzte Schicht.
Auf übergeordneter Ebene erfordert mehr Hitzeresilienz auch ein Umdenken bei der Gestaltung von Gebäuden und Städten. „Der Trend zu gläsernen Bürotürmen ist besonders bedenklich“, sagt Khosla. „Sie speichern Hitze wie Gewächshäuser und müssen massiv klimatisiert werden.“ Für Becci Taylor, Direktorin beim Ingenieur- und Designunternehmen Arup, liegt die Priorität darin, das Aufheizen von Gebäuden von vornherein zu verhindern. „Dazu gehören Beschattung von außen durch Markisen und Rollläden, reflektierende Oberflächen, bessere Belüftung, begrünte Dächer und helle Fassaden“, sagt sie. „Sanierungsvorschriften müssen Klimaanpassung und Energieeffizienz verbinden, statt sie getrennt zu behandeln. Hitzeresilienz muss Teil einer ganzheitlichen Klimastrategie mit CO₂-armen und naturbasierten Ansätzen sein.“
Roofs are a great example, Taylor says. “They typically transmit heat into buildings in summer and lose heat in winter, but this can be reduced by making them reflective and better insulated. Green roofs support biodiversity and cool in summer, blue roofs manage stormwater and photovoltaic roofs generate power while reducing heat transmission.” In New York City, Arup coated more than 500,000 square meters of rooftops with reflective materials, lowering indoor temperatures by up to 30% during heat waves.
Khosla shares this view, emphasizing the importance of passive cooling techniques such as natural ventilation, shade, vegetation and ceiling fans – approaches that have been used for centuries in hotter climates. Where air conditioning is unavoidable, she argues, businesses should invest in the most efficient systems available and ensure they are powered by increasingly decarbonized energy grids. “Otherwise, companies risk locking themselves into a vicious cycle in which fossil fuels are burned to keep buildings cool, emissions rise and heat stress intensifies further.”
„Hitzestress kostet Arbeitsstunden, verursacht Unfälle, treibt die Fluktuation in die Höhe und schafft Haftungsrisiken. Das zu ignorieren, ist schlecht fürs Geschäft.“
„Dächer sind ein gutes Beispiel“, sagt Taylor, die auch Expertin für nachhaltiges Bauen ist. „Sie leiten im Sommer Hitze ins Gebäude und geben im Winter Wärme ab, doch reflektierende Oberflächen und eine bessere Dämmung können das mindern. Begrünte Dächer fördern die Artenvielfalt und kühlen im Sommer, blaue Dächer regulieren Regenwasser, Photovoltaik-Dächer erzeugen Strom und halten zugleich Hitze ab.“ In New York versah Arup über 500.000 Quadratmeter Dachfläche mit reflektierenden Materialien und senkte so die Innentemperaturen während der Hitzewellen um bis zu 30 %.
Auch Khosla unterstreicht die Bedeutung passiver Kühltechniken. Menschen in heißen Klimazonen nutzen Methoden wie natürliche Belüftung, Schatten und Begrünung seit Jahrhunderten. Wo Klimaanlagen unvermeidbar sind, sollten Unternehmen in die effizientesten Systeme investieren und sicherstellen, dass diese mit grüner Energie betrieben werden. „Andernfalls droht ein Teufelskreis“, warnt Khosla: „Fossile Energien kühlen Gebäude, die Emissionen steigen, und die Hitzebelastung verschärft sich in der Folge weiter.“ Das Thema Hitzeresilienz prägt auch Entscheidungen über den Arbeitsplatz hinaus. Städte wie Los Angeles, Melbourne und Athen haben Hitzebeauftragte, um die Folgen hoher Temperaturen für Einwohner, Wirtschaft und Infrastruktur abzumildern. Hitzewellen können Stromausfälle und Wasserknappheit auslösen und ganze Regionen lahmlegen.
Besonders gefährdet sind die Rechenzentren, das Herz der digitalen Wirtschaften und Gesellschaften. Im Juli 2022 führten sommerliche Hitzewellen in Großbritannien zu Ausfällen in Rechenzentren. Cloudbasierte Dienste und davon abhängige Unternehmen in den USA waren ebenfalls betroffen. Ein Bericht des Risikoanalyse-Unternehmens Verisk Maplecroft warnt, dass mehr als die Hälfte der 100 wichtigsten Rechenzentren der Welt durch steigende Temperaturen einem wachsenden Risiko ausgesetzt seien. Für viele Unternehmen stehen jedoch ihre Beschäftigten im Mittelpunkt. „Der Schutz der Mitarbeiter vor Hitze ist eine unverzichtbare Säule eines nachhaltigen, profitablen und zugleich widerstandsfähigen Geschäftsmodells“, sagt Flouris. „Der Klimawandel macht die Temperaturbedingungen am Arbeitsplatz zu einem messbaren Produktionsfaktor. Hitzestress kostet Arbeitsstunden, verursacht Unfälle, treibt die Fluktuation in die Höhe und schafft Haftungsrisiken. Das zu ignorieren, ist schlecht fürs Geschäft.“
Immer einen Schritt voraus!
Melden Sie sich für unseren Newsletter an und lassen Sie sich von Think:Act auf den neuesten Stand bringen – mit dem, was heute wichtig ist, und mit Orientierung für das, was als Nächstes kommt.
















